Bei einem Abendessen mit dem polnischen Parteichef Edward Gierek sagte Bundeskanzler Schmidt:

Ihr Volk hat in seiner reichen Geschichte wesentlich zum Denken und zur Kultur Europas beigetragen. Es hat – und dafür habe ich persönlich immer großen Respekt und besondere Sympathie empfunden – auch in den dunkelsten Stunden seiner Geschichte seine Identität gewahrt und stets von neuem bewundernswerte Aufbauleistungen vollbracht

Als vor Generationen die großen Mächte darangegangen sind, Polen zu zerstückeln und sein tapferes Volk zu unterdrücken mit der Absicht, die polnische Nation auszulöschen, damals fanden der heroische Widerstand und der unzerstörbare Patriotismus der Polen in Europa und auch im deutschen Volke Bewunderung. Damals, im vorigen Jahrhundert, sahen die deutschen Liberalen im Aufbäumen der polnischen Nation ein Beispiel für ihren eigenen Freiheitswillen...

Eine Welle der Sympathie äußerte sich in der Gründung von Polenvereinen, der Unterstützung polnischer Emigranten und fand seinen Niederschlag in den Polenliedern. Doch das Machtkalkül behielt die Oberhand, und als Polen endlich gegen Ende des Ersten Weltkrieges seine staatliche Identität wiedererlangte, war bereits das Gift eines übersteigerten Nationalismus zwischen unsere Völker getreten. Ansätze zur Verständigung, zur guten Nachbarschaft blieben vergebens, und die nationalsozialistische Machtpolitik schließlich trieb zur Katastrophe.

Ich spreche es offen aus: Die Leiden und Opfer unzähliger Polen, denen nichts vorgeworfen wurde, als daß sie Polen waren, die barbarischen Verwüstungen, sie wurden von Deutschen verursacht und im Namen eines falsch verstandenen Deutschtums. Als Deutsche können und wollen wir uns nicht die Hände waschen, auf wenige Verbrecher hinweisen und zur geschichtlichen Tagesordnung übergehen. Es gibt hier kein Vergessen. Es mag Vergebung geben. Sie steht im Ermessen derjenigen, die gelitten haben.

Der Weg zur Zusammenarbeit zwischen uns war von Anfang an schwer. Was sich seit dem Überfall Hitlers auf Polen, in den darauffolgenden Jahren zwischen Deutschen und Polen ereignete, hat im Bewußtsein unserer beiden Völker tiefe Spuren hinterlassen. Wir können diese Vergangenheit nicht abwerfen wie überflüssigen Ballast, denn Erfahrungen der Völker sind politische Tatsachen.

Deshalb scheue ich mich auch nicht, daran zu erinnern, daß viele unschuldige Deutsche für die Schuld anderer gelitten haben, daß der Zusammenbruch Deutschlands 1945 als Ergebnis eines durch politische Verblendung ausgelösten Krieges auch den Deutschen Wunden geschlagen und schmerzliche Verluste gebracht hat, die durch Wiederaufbau und Wohlstand in unserem Lande nicht aufgewogen werden ...

Lassen Sie mich hier einfügen, daß das Klischee, zwischen Deutschen und Polen habe immer nur Feindschaft geherrscht, ebenso falsch ist wie das inzwischen längst überwundene Klischee von der angeblichen deutsch-französischen Erbfeindschaft. Solche Klischees beeinträchtigen einen neuen Anfang zwischen Deutschen und Polen ebensosehr wie einseitige oder beschönigende Darstellung der letzten, schrecklichen Vergangenheit...“