Der Essener Oberstaatsanwalt Gerhard Lindenberg ist ein tüchtiger und unbefangener Mann; er leidet nicht unter der Horizontenge mancher seiner Berufskollegen. Die Kaltblütigkeit, mit der er vor einigen Jahren den entführten Discounthändler Albrecht befreite und anschließend die Kidnapper dingfest machte, war ein Bravourstück.

Lindenbergs Argument für eine Strafverfolgung des DDR-Flüchtlings Werner Weinhold, der zwei Grenzsoldaten erschoß, um in die Bundesrepublik zu gelangen, läßt sich hören: Die Legitimität des Fluchtmotivs, einen eingezäunten Unrechtsstaat verlassen zu wollen, könne nicht auch zugleich jeden vom Fluchtwilligen begangenen Rechtsbruch legitimieren.

Aber war es notwendig, daß der Ankläger Lindenberg, zumal als Partei in einem schwebenden Gerichtsverfahren, solche diffizilen Erwägungen der Nachrichtenagentur ADN und damit dem Neuen Deutschland zu verklaren sucht? Das DDR-Regime hegt ohnehin keinen Zweifel an der Strafwürdigkeit des Flüchtlings. Es hat ihn ja bereits öffentlich als Mörder abgeurteilt und sogar eine Prämie für seine Verschleppung nach drüben ausgesetzt. Da mußte das Interview des bundesdeutschen Staatsanwalts mit der SED-Agentur beinahe zwangsläufig den Irrtum fördern, als gebe es in Sachen DDR-Flucht so etwas wie eine gesamtdeutsche Rechtsauffassung.

H. Sch.