Von Gerhard Seehase

Kennen Sie den? Er verlangt selbst noch in Äquator-Nähe sein kühles deutsches Bier und schimpft, maßlos enttäuscht, wenn er es nicht bekommt, auf die jeweiligen Landessitten. Natürlich, Sie haben ihn während Ihres Auslandsurlaubs alle schon einmal erlebt: den lauten Deutschen am Nebentisch, der Ihnen peinlich ist, weil er eine Art D-Mark-Nationalismus verbreitet und mit erfolgheischendem Rundum-Blick auch noch landsmannschaftliche Geschlossenheit verlangt.

Es ist nun einmal nicht zu ändern: Solche Leute reisen selten in die Wüste Gobi, wo sie so laut brüllen können, wie sie wollen, ohne daß sie stören. Aber das geht den auslandsreisenden Holländern, den Dänen, den Schweden, den Engländern oder den Amerikanern nicht anders; nur, sie haben im Gegensatz zu den bundesdeutschen Touristen keinen "Fachausschuß für Umgangsformen", der ihnen für die jetzt beginnende Sommersaison sorgfältig numerierte "Empfehlungen" mit auf den Weg gibt.

Dieser deutsche "Fachausschuß für Umgangsformen" (mit Sitz in Köln), der vornehmlich von den professionellen Tanzlehrern unterstützt wird, ohne daß er sich als offizielles Organ des "Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes" (ADTV) bezeichnen darf, verfaßte auf seiner letzten Jahreshauptsitzung in Hamburg einen "Appell" an deutsche Touristen, in dem (in 10 Punkten) "mehr Zurückhaltung im Ausland" gewünscht wird.

Danach wird den deutschen Urlaubern vor allem empfohlen, im Ausland nicht so laut zu sein. Dies besagt am nachdrücklichsten Punkt 2 der Empfehlungen: "Verhalten Sie sich im Ausland grundsätzlich nicht so laut, daß Sie sofort als Deutscher erkannt werden.

Das heißt etwa für den Mann aus Gelsenkirchen, daß er als Rom-Reisender bei allem zulässigen Temperament doch tunlichst vermeiden sollte, den FC Schalke 04 in lauten Gesängen ("aber eins, aber eins, das bleibt bestehn, der FC Schalke wird niemals untergehn") lobzupreisen, wo es an Ort und Stelle den AS Roma gibt. Besondere Aufmerksamkeit wird in den Ratschlägen dieses Fachausschusses den mitreisenden Kindern gewidmet. Da heißt es zum Beispiel in Punkt 7: "Wenn Sie Ihre Kinder wie Wilde aufwachsen lassen und Ihnen keinen Wunsch abschlagen, dann dürfen Sie nicht mit Ihnen verreisen – erst recht nicht ins Ausland."

Wenngleich man natürlich nichts Genaues darüber weiß, wie Wilde, falls es noch welche gibt, ihre Kinder aufwachsen lassen, so gibt es doch zweifellos jenen zivilisierten süßen Balg, der beim Frühstück zwischen den Stuhlbeinen der Nachbartische herumkrabbelt und es einem schwermacht, das weichgekochte Ei problemlos zu löffeln. Aber wo sogar der bundesdeutsche Vati der Lächerlichkeit anheimzufallen droht, wenn er im Frühstücksraum mit erhobenem Zeigefinger Moralpredigten hält, da hat natürlich gerade der Punkt 7 der Empfehlungen seine besonderen Tücken. Denn Kinder, die wie Kinder sind, werden sich auch in der kolonialen Welt des Auslandsurlaubs nicht anbinden lassen. Und so ist im Katalog der gutgemeinten Ratschläge dieser Punkt 7 am meisten Mißdeutungen ausgesetzt. Vor allem dort, wo es heßt: "Was Sie selbst zu erleiden bereit sind, dürfen Sie keinem Fremden zumuten."