Von Dieter E. Zimmer

Autorenverlage, Autorenedition, Verlagskollektive: jahrelang wurden hier und dort Experimente versucht, die herkömmliche patriarchalische oder die moderne anonyme Beziehung des Verlags zu seinen Autoren durch etwas Neues abzulösen, durch Modelle, die den Autor an wichtigen Entscheidungen seines Verlags in irgendeiner Weise teilhaben lassen.

Einige dieser Experimente (der Heine- und der März-Verlag) wurden verschlampt und verwirtschaftet. Die AutorenEdition bei Bertelsmann stellt eine Art ökologische Nische innerhalb des Konzerns dar. Anderen Initiativen war, von den Mitteln her, von vornherein Selbstbeschränkung auferlegt: Der (Theater-)Verlag der Autoren macht keine Bücher, sondern handelt mit Aufführungsrechten; Wagenbach und Rotbuch können sich zu anderem als Paperback-Reihen nicht versteigen.

In keinem Fall war es bisher gelungen, auch nicht durch Lektoratsaufstände, einen der großen, der literarisch wichtigen Verlage so zu reformieren, daß sich seine Autoren nicht nur als Handelsware fühlen müssen, günstigenfalls als geschätzte und umworbene Handelsware, wenn sie nämlich mit dem Verleger gut auskommen, aber ohne Sicherheit für den Fall, daß sie seiner Gunst verlustig gehen oder der Verlag in andere Hände gerät, die sich dann nicht mehr schützend über sie breiten. So links sich viele von ihnen, wenigstens für eine Weile, auch gaben – die innere Struktur blieb überall die traditionelle, die (gemessen an den heutigen Verhältnissen in der Wirtschaft sonst) eine anachronistische ist. Verglichen mit abhängigen Arbeitnehmern, ist der freie Schriftsteller nämlich ein Mahnmal der Abhängigkeit.

An einer Stelle aber hat es jetzt gefunkt. Und da es sich um kein Revolutionsspektakel handelt, sondern um eine reiflich überlegte Maßnahme, könnte der Fall sogar Schule machen. Zum 1. Juli dieses Jahres führt der Luchterhand Verlag die Autorenmitbestimmung ein.

Sie ist, im wesentlichen, das Werk von Günter Grass. Nur wenige Autoren sind stark genug, dergleichen durchzusetzen, als „Eisbrecher“ zu wirken; in Deutschland wären es außer ihm heute vielleicht noch Böll, Frisch, Lenz und Simmel. Jahrelang hat Grass sondiert und verhandelt und sich selber dabei als Köder an den Haken gehängt. Welcher Verleger würde nicht gierig nach den Rechten an den Werken von Grass schnappen? Grass hielt sie hin – und befestigte daran die Bedingung, daß man sein Mitbestimmungsmodell ebenfalls schlucke. Er verhandelte unter anderem mit Bertelsmann, S. Fischer, Hanser sowie Hoffmann und Campe. Alle zuckten sie schließlich zurück. Am weitesten war die Sache bei Hanser gediehen; hier lag schon eine Art Verlagsstatut zur Unterzeichnung bereit. Bei näherem Zusehen ging es dem Inhaber aber dann doch zu weit, schränkte es seine Rechte zu stark ein: Es sah einen Verlagsrat vor, dem alle wichtigen Verlagsentscheidungen allgemeiner Art vorzulegen gewesen wären, bestehend aus drei Vertretern der Geschäftsführung, zwei Autoren, einem Lektor und einem Außenstehenden; bei einem Verkauf des Verlags hätte den Autoren ein Vorkaufsrecht zugestanden. Hanser ließ den Plan fallen.

Alle Bücher von Grass sind bisher bei Luchterhand erschienen. Luchterhand war es denn auch, der sich schließlich auf seine Vorstellungen einließ. Entgegen kam ihnen der Umstand, daß der Mehrheitsgesellschafter Eduard Reifferscheid inzwischen 77 Jahre alt ist und sich seit Jahren Gedanken darüber macht, wie der Verlag, in dem es lange rumorte, nach seinem Tod zusammenzuhalten und weiterzuführen wäre.