Von Gerd Bucerius

Grün – dunkelgrün und silbrig – sind die Inseln in der Ägäis das ganze Jahr. Pinien, Zypressen, Ölbäume, Orangen- und Zitronenbäume verlieren die Blätter nie. Die Berge sind dicht mit stacheligem, kräftigem Gewächs überzogen, das dem immer wehenden Seewind keinen Widerstand bietet. Das ist schon schön genug. Und an Sonnentagen (also fast immer) das brokatblaue Meer, so schön, daß es einem den Atem abpressen könnte. Aber dann, nach dem ersten Regen im April, brechen aus Wiesen und Äckern Farbflächen hervor, gelbe und weiße Margeriten ohne Zahl, dazwischen Mohn, so viel und so rot, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Die niedrigen Büsche bekommen weiße, blaue und rote Punkte, die das Grün fast verschwinden lassen – endlich weiß man, warum es dieses stachelige Zeug eigentlich gibt. Jetzt erst verstehe ich Böcklins Blumenwiesen.

Das ist die Zeit zum Wandern. Wer bei 16 Grad baden mag, der hat die schönsten Strände fast für sich allein. Wer mit Sonnenbaden zufrieden ist, hat Buchten, in denen er Nausikaa und Kalypso wohl eben verfehlt hat. Aber auch auf den Fußmarsch über die Berge sollte man im Frühjahr nicht verzichten. Dann hat man unter den Füßen die kräftige, oft vom Eisengehalt rostrote Erde und große, dichte Blumenfelder, und den Blick auf sorgfältig geschwungene Hügelketten, eine löst die andere am Horizont ab.

Letztes Mal (Oktober) wohnte ich in Falirakion, an der Ostküste, 20 km südlich der Stadt Rhodos, mit angenehmen Familienhotels und schönem Sandstrand. Dieses Mal probierte ich eines der vielen guten Hotels in Rhodos aus. Im Grand Hotel Astir hat man Zimmer mit dem Blick über die See, bis zu den hohen anatolischen (türkischen) Bergen, und ganz ruhige Zimmer zu einem großen schönen Innenhof mit geheiztem, alle zwei Tage gereinigtem Schwimmbad. Mir fehlte ein Anzug für das feine Hotel. Macht nichts: In einer Woche, mit drei Anproben, machte der Schneider einen Anzug aus bestem englischen Flanell, mit zwei Hosen für 750 Mark. Das ist nicht Münchhausen, sondern Ausbeutung. Fünfzig Arbeitsstunden für diese Arbeit kosten in Deutschland eben 35 Mark pro Stunde, in Rhodos 15 Mark. Das "spart" also tausend Mark. Wenn die Griechen erst einmal so perfekte Industriearbeiter sein werden wie sie heute Schneider und Goldschmiede sind, werden sie in der EG sicher zu einer harte? Konkurrenz – oder aber bessere Verdiener als heute.

Würden die Griechen ihre Armut spüren, wären sie nicht so freundlich und hilfsbereit. Drei von vier Griechen wohnen im eigenen "Haus"; das sind auf dem Lande freilich nur Hütten mit einer Feuerstelle, aber auf eigenem Boden; das gibt Sicherheit und verhindert Klassenkampf. Die Armut der Griechen ist das Glück des Reisenden. Ein Hotel zu bauen, kostet halb soviel wie bei uns, also ist der Besitzer (oft die Staatsbank) auch mit dem halben Pensionssatz zufrieden. Die Hotels in Rhodos sind Paläste, wie sie sonst in ganz Europa kaum mehr gebaut werden. Man sollte es nützen und hoffen, daß dieses Glück nicht zu lange dauert.

Von der Stadt Rhodos aus erreicht man die schönsten Buchten Kolimbia, Tsambikas, Feraklos, Ladiko) mit Schiffen, die jeden Tag vom Hafen die Küsten entlang fahren und abends heimkehren. Ein Mietauto ist sehr nützlich, aber teuer. Die Küste entlang und ins Landesinnere fahren Busse. Sie sind oft übervoll, aber eben mit Griechen, also peinlich sauber; und kein Grieche duldet, daß ein Reisender am Straßenrand zurückbleibt. Über den Fahrplan geben die Hotelportiers zuverlässige Auskunft (in Deutsch). Nötig ist ein Plan der Insel; zu empfehlen "A Fairey leisure map".

Zum Golfplatz kommt man mit der Taxe, für etwa 15 Mark, die man sich mit Golf freunden teilen muß; aber auch mit dem Bus, fast umsonst. Am Golfplatz macht im Herbst 1976 ein Hotel (mit geheiztem Schwimmbad) auf, es könnte chic werden. Die Greens sind inzwischen perfekt, auf den Bahnen spielt man mit Besserlegen ("auf Schlägerlänge, nicht näher zum Loch"). April, Mai und Juni sind schön, Juli und August trotz des Seewindes sehr heiß. Oktober und November sind herrlich. Im November kann man freilich nicht mehr baden (16 bis 17 Grad), aber der Golfer hat Platz und die Insel für sich; es gibt keine bessere Vorbereitung für den deutschen Winter.