Von Tilman Neudecker

Nahezu 50 Jahre ist es nun her, daß der Zufall Sir Alexander Fleming in seinem mikrobiologischen Laboratorium im Londoner St. Mary’s Hospital eine der ganz großen medizinischen Entdeckungen dieses Jahrhunderts bescherte – Penicillin. Wie kaum ein anderes Medikament hat Penicillin, ein Stoffwechselprodukt des Schimmelpilzes Penicillium notatum, die beispiellosen Erfolge der modernen Medizin bei der Bekämpfung bakterieller Infektionskrankheiten ermöglicht, angefangen von der Lungenentzündung über den Gasbrand bis hin zur Syphilis.

Bei der Therapie von Virusinfektionen hingegen ist den Medizinern ein ähnlich spektakulärer Erfolg bislang versagt geblieben. Sie verpflanzen Organe und synthetisieren Gene – gegen. Schnupfen aber sind sie noch immer so gut wie machtlos. Und noch immer gilt die resignierende Einsicht, daß die übliche Grippe ohne Arzt acht Tage und mit Arzt eine Woche lang dauert.

Diese unbefriedigende Situation wird sich in absehbarer Zukunft ändern, so jedenfalls prophezeien Insider der Pharmaindustrie. Nicht, daß irgendwelche neuen, sensationellen Anti-Virus-Medikamente analog bakterientötender Antibiotika zu erwarten wären – Hoffnungen auf solche Wunderdrogen gegen Viren, dies ist die ernüchternde Erfahrung aus hoffnungsvollen, langjährigen und kostspieligen Forschungsbemühungen, sind und bleiben wohl illusorisch. Indes, ganz erfolglos ist die bisherige Suche nach wirkungsvollen Chemotherapeutika gegen zumindest einige menschliche Viruserkrankungen nicht geblieben. Und für einige dieser neuen chemischen Waffen gegen Viren scheint nun, nach vielversprechenden ersten Erfahrungen und Erfolgen, die Zeit gekommen. Sei es, daß es mit ihrer Hilfe erstmals möglich sein könnte, bestimmte menschliche Viruserkrankungen, denen man bisher mehr oder weniger machtlos gegenüber stand, endlich „in den Griff“ zu bekommen, oder, daß diese neuen Virushemmstoffe als wirkungsvolle Ergänzung zur herkömmlichen Methode der Schutzimpfung einsetzbar wären. Dies vor allem in solchen Fällen, wo Impfungen entweder nur Teilerfolge bringen, oder aus verschiedenen anderen Gründen nicht empfehlenswert beziehungsweise nicht praktikabel sind. Optimistischen Prognosen zufolge könnten neue Chemotherapeutika die Behandlungsmöglichkeiten von Viruskrankheiten innerhalb der nächsten zehn Jahre ebenso tiefinnerhalb revolutionieren wie dies im Falle bakterieller Infektionen in den vierziger Jahren dank der Antibiotika möglich geworden war.

Warum fast ein halbes Jahrhundert vergehen mußte, bis nach der so bedeutsamen Entdeckung des ersten Antibiotikums nun endlich auch Pharmaka gegen Virusinfektionen zum Einsatz gelangen können, und wie es überhaupt gelingen konnte, solche Anti-Virus-Chemikalien zu entwickeln – bis vor wenigen Jahren schien es fast so, als sei eine Chemotherapie von Viruskrankheiten prinzipiell so gut wie unmöglich –, hat in beiden Fällen seine Ursache vor allem darin, daß Viren als Krankheitserreger auf ganz einzigartige, trickreiche und raffinierte Weise ans Werk gehen.

Biologische Lochstreifen

Bakterien bedienen sich da vergleichsweise konventioneller Methoden, um im Menschen Krankheiten auszulösen. Zumeist sind es irgendwelche, für den menschlichen Organismus toxische Stoffwechselprodukte der sich unter geeigneten Bedingungen im Körper millionenfach vermehrenden Bakterienzellen, die für die Art und Schwere des Krankheitsbildes verantwortlich sind. Wie bei allen durch Mikroben, seien es Bakterien oder Viren, verursachten Krankheiten besteht das Problem darin, wenn schon nicht die Infektion selbst zu verhindern, so dann doch auf jeden Fall die weitere Ausbreitung der Eindringlinge im Organismus zu unterbinden. Und gerade dies bewirkt Penicillin bei zahlreichen Bakterienarten auf ebenso raffinierte wie effektive Weise.