„Römische Geschichte“, von Theodor Mommsen. „Die Phantasie, wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter... Der Geschichtsschreiber gehört vielleicht mehr zu den Künstlern als zu den Gelehrten.“ Der erste deutsche Nobelpreisträger für Literatur, Theodor Mommsen, wurde 1902 im hohen Alter für sein – von diesen Gedanken geprägtes – Jugendwerk geehrt, dessen Erscheinen nahezu ein halbes Jahrhundert zurücklag. Die ungewöhnliche und unübertreffliche Verbindung von wissenschaftlicher Fundiertheit und künstlerischer Gestaltung gaben dem Werk sein unverwechselbares Gesicht, sein unvergleichliches Gewicht. Das Bildungsbuch des Bürgertums liegt jetzt als Taschenbuchkassette vor, für jedermann. Ein exzellent konzipierter und dokumentierter Essay von Karl Christ zeigt Leistungen wie Grenzen dieses Werkes. Karl Christ erinnert daran, daß Mommsen während der Arbeit seine Stellung an einer deutschen Universität verlor – wegen seiner politischen Haltung. Der Hauptteil des Werkes wurde im Ausland geschrieben. Eine liberale Stimme aus der Mitte des 19. Jahrhunderts; ein Buch, das dem Leser historische Information ebenso vermittelt wie literarisches Vergnügen auf hohem Niveau. (Vollständige Ausgabe in acht Bänden, mit einem Essay von Karl Christ; dtv 6053-6060, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1976; 3010 S., 98,– DM.)

Bernhard Kytzler

„Bildungsplanung in der Bundesrepublik Deutschland“ von Werner E. Spies. Ein wichtiges Thema, gerade im Augenblick: Haben die Planer versagt und so die Stagnation der Bildungsreform mit verursacht? Diese Frage wird heute zu Recht häufig gestellt. Spies’ Buch gibt aber keine Antwort. Hier hat ein Autor, der als Leiter der Gruppe „Rahmen- und Strukturplanung des Bildungswesens“ im Kultusministerium von Nordrhein-Westfalen selber jahrelang in führender Stellung dabei war, nichts anderes getan, als seinen Zettelkasten ausgekippt. Das Ergebnis ist im Grunde nur ein Literaturbericht seit 1945, und zwar einer mit beträchtlichen Mängeln: Wichtiges wurde weggelassen, zum Beispiel die Pläne der Bundesassistentenkonferenz für die Gesamthochschule; einiges ist einfach falsch, etwa die These, die Kultusminister hätten „mehrheitlich“ die Auflösung des Bildungsrates betrieben; der Stil ist zum Teil miserabler Bildungsjargon: „...daß die sozio-ökonomische Bildungsplanung eine eingeschränkte Perspektive totalisiert, daß sie in den Maximal-Planungs-Modellen auf bergende Endzustände hin arbeitet...“ Danke, so nicht. (Henns Pädagogische Taschenbücher 69, Alois Henn Verlag, Kastellaun, 1976. 174 S., 12,80 DM.) Hajo Matthiesen

„Fräulein, soll ich in ihrem Schoße liegen“, Geschichten von Otto Kreiner. Statt sich an netten sympathischen Herren wie Güldenstern und Rosenkranz ein Beispiel zu nehmen, macht der Prinz schon vor dem Auftritt der Komödianten Skandal. Es sei ein schöner Gedanke, schreit er, daß alle’ es hören, zwischen den Beinen eines Mädchens zu liegen, und drückt seinen Nacken hinein. Die Komödianten waren eine glatte Enttäuschung. Fragt sich nur, weshalb sich der König echauffierte. Nun wohl, das Stück darf als bekannt vorausgesetzt werden, so daß sich der Nacherzähler den Witz leisten kann, die Szene so wiederzugeben, wie sie ein leicht beschränktes, prüdes, seelisch labiles Mädchen namens Ophelia erlebt. Diese Art Mimikry beim „Travestieren“ klassischer Stoffe gehörte zur Zeit Roda-Rodas zu den todsicheren Tricks des bildungsbürgerlichen Literaturkabaretts. Daß dieser Gag – bei sensibler Handhabung der Sprache – heute noch wirkt, beweisen die künstlichen und kunstreichen Töne, die Otto Kreiner seinem „Piano nudo“ – so nennt er das schon von Morgensterns Korff kreierte ideale L’art-pour-l’art-Instrument – als Restaurator eines poetischen Feuilletonismus entlockt. Oscar Wildes Gedichte in Prosa, Peter Altenberg, Roda-Roda, Viktor Auburtin, Walter Kiaulehn, zeitlich und landsmannschaftlich näher: H. C. Artmanns Traumfigurinen und Husarengeschichten liefern gleichsam den Fundus, aus dem Kreiner das technische Rüstzeug für seine fragilen, meist pointenlosen Zeitungsmärchen und Legenden entleiht. (Residenz Verlag, Salzburg, 1976; 104 S., 9,80 DM.) K. H. Kramberg