Ein Seufzer geht durchs Land. Das Ende der Wirtschaftskrise scheint in Sicht. Es darf wieder verdient werden. Aber bitte nicht bei der Kultur. Knöpft Merkur die Weste auf, können die Musen den Gürtel enger schnallen.

Noch immer droht der Mailänder Scala die Schließung aus Geldmangel. Eine internationale Konferenz von Opern-Intendanten beschließt einen Gagenstopp für Stars, obwohl Kenner, die außer Partituren auch Bilanzen lesen können, versichern: Sparen ist hier sinnlos, weil gerade die teuren Top-Sänger nicht nur Spitzen-Töne erreichen, sondern auch Spitzen-Einnahmen bewirken. Unde wehe, ein deutscher Schauspiel-Intendant hat „nur“ Erfolg bei Publikum und Presse; voll muß nicht das Haus, sondern die Kasse sein. Verleger und Buchhändler, bei denen Jammern nicht nur zur Ausübung des Berufs, sondern schon zum guten Ton gehört, haben in den letzten drei Jahren nicht verhindern können, daß ihr dezenter Freuden-Schrei aus dem Kontor bis auf die Straße drang: Die Deutschen lesen ja wieder. Sind die Zeiten schon so schlecht, daß wir ans Eingemachte gehen müssen, sorgen wir doch für Nachschub in der Speisekammer des Geistes. Müssen Büchermenschen jetzt mit Sorge auf die langsam emporkraxelnden Zahlen vom Staatshaushalt und Export blicken? Bedeutet Aufschwung der Gesamtwirtschaft Abschwung für Geist und Kultur? Wer will (wer kann) noch lelesen, nach Überstunden oder Sonderschicht?

Wer hat da recht? Der Kritiker Lothar Baier? „In fast allen Zeitungen, die sich noch Feuilletons leisten, nimmt der Druck auf die Kulturredaktionen zu. Viele Regionalzeitungen haben Glotz/Langenbuchers Vorstellungen von einem demokratischen Feuilleton längst in die Wirklichkeit umgesetzt: Dort werden endlich keine ‚esoterischen Fachgespräche‘ mehr geführt. Literatur, falls sie dort überhaupt vorkommt (in Form von abgeschriebenen Verlagstexten), erscheint als etwas beruhigend Handfestes, Nebensatzloses.“ Oder der Schriftsteller Peter Schneider? „Auf einmal gibt es wieder neue Stoffe in der Literatur, Experimente mit neuen Darstellungsformen, und das alles zu einem Zeitpunkt, da wir uns mitten in einer Periode zunehmender Depression und Entpolitisierung befinden ... Der Historiker Franz Mehring hat die These aufgestellt, die bürgerliche Klasse in Deutschland habe ihr Heldenzeitalter auf künstlerischem Gebiet gehabt, weil ihr der ökonomische und politische Kampfplatz verschlossen war ... Übrigens glaube ich, daß das erschreckend hohe Niveau der Literatur im anderen Teil Deutschlands eine ähnliche Ursache hat. Es sieht ganz so aus, daß die Künstler um so höher im Kurswert stehende sprachloser und handlungsunfähiger ihr Publikum ist.“

Beide Argumente sind nachzulesen in dem Beifall und kritischen Widerspruch fast mit jedem seiner dreiunddreißig Beiträge herausfordernden „Literaturmagazin 5“ des Rowohlt Verlages über „Das Vergehen von Hören und Sehen – Aspekte der Kulturvernichtung“ (das neue buch 72; 251 Seiten, 12 Mark). In Gedichten und Essays, in Erzählungen und Analysen, aus der Gelehrtenstube und aus dem Blickwinkel des Lesers vor dem Zeitungskiosk wird eine Momentaufnahme der geistigen Lage der Bundesrepublik Deutschland in der Mitte des Wahljahres 1976 gegeben, wie sie in ähnlicher Tiefenschärfe zur Zeit nirgendwo zu haben ist.

Da weist der Schweizer Romancier und Literaturprofessor Adolf Muschg der „Neuen Linken“, deren „dogmatisch-manichäischen Zug“ er beklagt, nach, daß „die revolutionäre Erwartung in Mitteleuropa sich als Privatsache einer privilegierten Gruppe erwiesen“ und sie es „sich selbst zuzuschreiben hat, wenn eine neue ‚Privatliteratur‘ ihre Prämissen ins Unrecht setzte“. Muschgs Behauptung, „daß man mit seinem Bedarf an Kritik nur einem Bedürfnis des Marktes zugedient“ habe und daß „auch die Ware Aufklärung wie jede andere dem Gesetz der Sättigung gehorchte“, wird im scharfsinnigsten und am besten formulierten Aufsatz des Bandes erhärtet, in Peter Rühmkorfs Untersuchung über Kulturberichte im „Spiegel“. Erschreckend ist, daß viele von Rühmkorfs Thesen auf fast alle Leitungen in Deutschland zutreffen. „Wo die Führungskraft sich im TEE-Geschwindkurs über Trends und Szenenstand informieren möchte, da serviert ihm der Titbit-Techniker die Kultur als Quickie und Leckerhäppchen.“ Der Satz gilt zwischen Ostsee und Bodensee leider ebenso wie der vom „Markt als der obersten Kulturbehörde“.

An den spätestens seit der „Ölkrise“ des Jahres 1973 geschrumpften Feuilletons („dünn und erpreßbar geworden“ nennt sie der unparteiische Beobachter aus dem Ausland, Adolf Muschg), an den „verschlankten“ Literatur- oder ganz eingestellten Wochenend-Beilagen, die auch am Ende der Wirtschaftskrise auf Wiederbelebung nicht hoffen dürfen, läßt sich am raschesten und deutlichsten ablesen, was droht: Ausverkauf der Kultur. Rolf Michaelis