Hamburg: „Otto Modersohn“

Wenn man ihn heute kennt, dann als den Mann, mit dem Paula Modersohn-Becker verheiratet war. Zu ihren Lebzeiten war es umgekehrt, da war sie das Anhängsel an den Namen. Es ist hübsch und sinnvoll, in ihrem 100. Geburtsjahr, in dem die Malerin mit Retrospektiven bei uns und in Amerika gefeiert wird, auch dem vergessenen Ehemann einen Blick zu gönnen, und sei es auch nur auf das zeichnerische Werk. Rund drei Dutzend Zeichnungen aus dem Besitz der Familie Modersohn, wo das Malen sich vom Vater auf den Sohn und bis zum Enkel vererbt hat, sind jetzt in der Galerie Elke Dröscher zu besichtigen, Blätter, die seltsamerweise noch nie ausgestellt waren. Eine Überraschung, eine Quasi-Neuentdeckung im Jubiläumsjahr der PMB. Man fühlt sich häufig an ihre Arbeiten erinnert und muß korrekterweise andersherum argumentieren. Wenn die heute so gerühmten Zeichnungen von Paula Modersohn-Becker nicht nur in den Worpsweder Motiven, sondern in der Handschrift, im groß vereinfachenden Stil mit den Blättern von Otto Modersohn übereinstimmen, dann steht seine Priorität außer Frage. Die Kohlezeichnung „Am Weyerberg“ etwa ist „um 1895“ entstanden, zu einer Zeit, als Paula Becker künstlerisch noch nicht existent war. Diese „Naturstudien“ sind ganz unakademisch, sind antinaturalistisch. In der raschen, beweglichen, ausgreifenden Kontur ist schon Kirchner, ist der Expressionismus vorweggenommen. Rilke, Otto Modersohns erster Monograph, hat bereits auf die Diskrepanz zwischen dem Maler und dem Zeichner hingewiesen. In den Zeichnungen sei enthalten, „was er in den Bildern noch nicht zu sagen wagte“. Diesen Stil, den er vor 1900 entwickelt hat, hat Otto Modersohn durch die Jahre und Jahrzehnte beibehalten – 1943 ist er gestorben. (Galerie Elke Dröscher bis zum 30. Juni und vom 1. bis zum 31. August, Katalog 8 Mark.) Gottfried Sello

München: „Kunst in Frankreich 1800–1870“

Rund fünfzig Zeichnungen und eine Handvoll Gemälde (darunter ein für die Anfänge des Symbolismus bedeutsames Werk von Puvis de Chavannes) – eine Parade großer Namen und auch der Wiederauftritt lange Zeit vergessener Künstler. Wer will, kann sich die Rosinen heraussuchen, Blätter von Gericault (eine Vorzeichnung für „Das Floß der Medusa“), Delacroix (ein Skizzenblatt mit Aktstudien), Ingres (eine Studie für das Fresko „Das goldene Zeitalter“), von Corot, Millet, Degas. Nicht weniger interessant sind Arbeiten von Vertretern des künstlerischen Mittelbaues, dem seit einigen Jahren vermehrte Aufmerksamkeit gilt: Der säuberliche Genre-Realismus eines Martin Drölling macht ebenso eine Gegenposition zum tonangebenden Klassizismus des Empire (Prud’hon) deutlich wie die leicht ironische Schilderung eines „Konzerts“ von Eugene Devéna diejenige zum photographiegenauen Historismus der Restaurationszeit. Auch ist seit der Lockerung des Bannfluchs auf die Salonkunst – die Ausstellung enthält Beispiele, die das Verdikt verständlich machen – der Blick unbefangener geworden. Man entdeckt nun überraschende Querverbindungen – ein „Engelskopf“ von William-Adolphe Bouguereau rückt in die Nähe präraffaelitischer Anmut, ein Damenporträt von Franz Xaver Winterhalter, dem Hofmaler der Queen Victoria, steht Menzel näher als Ingres. (Galerie Arnoldi-Livie, bis zum 30. Juni; Katalog 8 Mark) Helmut Schneider