Fast unbemerkt und ohne jeden Zwischenfall hat das uruguayische Militär am vorigen Wochenende den amtierenden Präsidenten Juan Maria Bordaberry abgesetzt – angeblich, weil er sich einer Demokratisierung widersetzt hat.

Gerüchte über einen Rücktritt des 48jährigen Politikers, der 1972 zum Präsidenten gewählt worden war, hatte es bereits seit Monaten gegeben. Die Differenzen zwischen den Militärs, den tatsächlichen Machthabern, und dem erzkonservativen Bordaberry brachen anscheinend offen aus, als im Mai ein Ausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses Finanzhilfe für Uruguay mit der Begründung verweigerte, dieser Staat sei „die Folterkammer Nr. 1 in Südamerika“.

In den Wochen darauf hat das US-Außenministerium über mehrere Kanäle Montevideo gedrängt, die Exzesse – die Amnesty International mit Bildern belegen konnte – zu verhindern und zu demokratischen Verhältnissen zurückzukehren. Dies und die traditionelle Verbindung der Offiziere zu den beiden Parteien der „Colorados“ und „Blancos“ veranlaßte die Armee, vom Präsidenten eine begrenzte Liberalisierung zu fordern. Bordaberry lehnte ab – seine Colorado-Partei will von ihm nichts mehr wissen – und freie Wahlen – so soll er argumentiert haben – würden eine Linkskoalition ans Ruder bringen.

Als Übergangspräsident wurde der 80jährige Alberto Demichelli, Vorsitzender des – als Ersatzlegislative fungierenden – Staatsrates vereidigt. In zwei Monaten soll ihm ein jüngerer Mann nachfolgen, den Militär und Staatsrat bestimmen werden. In den drei Jahren seiner Amtszeit soll eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Für 1979 ist dann eine neue „Präsidentenwahl“ geplant; frühestens 1984 könnte es echte Präsidenten- und Parlamentswahlen geben. Eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen wird freilich ausgeschlossen; die persönliche Freiheit bleibt ebenso eingeschränkt wie das Recht der Gewerkschaften.

Ob mit diesen Retuschen die Hauptmisere des Landes, die Wirtschaftskrise, beseitigt werden kann, ist mehr als fraglich. Seit 1972, als das Parlament aufgelöst wurde, hält die Talfahrt an. Rund zehn Prozent der Bevölkerung haben seitdem Uruguay verlassen, vor allem junge Leute. Das früh geknüpfte soziale Netz des Landes, das einmal die Schweiz Südamerikas genannt wurde, hat dazu geführt, daß jeder Erwerbstätige heute für zwei Rentner aufkommen muß. 235 000 Beamte (bei einer Bevölkerung von rund 2,9 Millionen) sind, wie liberale Kritiker monieren, „zum Staatsfeind Nr. eins“ des verarmten Landes geworden.

Die Landwirtschaft stagniert; die Großgrundbesitzer haben nicht mehr investiert und die Förderung kleinerer Höfe hintertrieben. Gescheitert ist ebenfalls die Industrialisierung: staatlicher Dirigismus hat zu einem Rickgang selbst prosperierender Wirtschaftszweige geführt. Grundsätzlich soll jedoch an der bisherigen Wirtschaftspolitik nichts verändert werden.

Die erste große Protestbewegung, die „Tupamaros“ (Stadtguerilleros), in Montevideo, hatten Polizei und Militär blutig niedergeschlagen; gleichzeitig wurden viele Linkspolitiker ins argentinische Exil gezwungen. Seit dem Umsturz in Buenos Aires sind sie freilich auch dort ihres Lebens nicht mehr sicher: Drei uruguayische Exilpolitiker wurden im vergangenen Monat von Unbekannten ermordet – wie man munkelt mit freudiger Amtshilfe der argentinischen Polizei.

H. B.