Von Rudolf Herlt

Um ein Haar wären beim Besuch des polnischen Parteichefs Gierek in Bonn nicht vierzehn, sondern fünfzehn Abkommen unterzeichnet worden. Als fünfzehntes stand ein Kupferprojekt auf der Liste. Die Unterzeichnung mußte verschoben werden, weil noch Preis- und technische Probleme zu klären waren, was in der Hitze des Staatsbesuchs nicht mehr möglich war. Aber unter den vierzehn waren drei Vereinbarungen, die den deutsch-polnischen Außenhandel auf eine neue Basis stellen können.

Die erste ist eine Rahmenvereinbarung zwischen der Polimex-Cekop GmbH in Warschau und der Krupp-Koppers GmbH in Essen über die Errichtung von industriellen Anlagen zur Erzeugung von Synthesegas auf Steinkohlenbasis,

Die zweite Vereinbarung wurde zwischen der A. H. Z. Ciech, Warschau, und der Krupp-Koppers GmbH in Essen und der Chemie-Petrol in Hamburg abgeschlossen und dient der Gründung einer gemischten Vertriebsgesellschaft, der „Polchemie“. Mit ihrer Hilfe sollen die Erzeugnisse der neuen Anlagen weltweit abgesetzt werden.

Die dritte Vereinbarung ist eine Rahmenerklärung der Dresdner Bank, in der sie verspricht, mit einem Bankenkonsortium bis zu 2,65 Milliarden Mark aufzubringen, mit denen deutsche Lieferungen und Leistungen sowie polnische Lieferungen und Leistungen für das Kohlevergasungsprojekt finanziert werden sollen. Der Bankführungsgruppe gehören neben der Dresdner Bank die Bayerische Landesbank, die Commerzbank, die Deutsche Bank und die Westdeutsche Landesbank an.

Die Polen haben begriffen, daß sie aus ihren Steinkohleschätzen am meisten herausholen, wenn sie nicht Kohle, sondern Kohleprodukte verkaufen. Deshalb sollen im oberschlesischen Steinkohlerevier bei Kattowitz unter Führung des Krupp-Konzerns zwei Kohlevergasungsanlagen und eine Reihe weiterverarbeitender Chemiefabriken gebaut werden. Die Erzeugnisse der neuen Unternehmen sollen später auch exportiert werden. Otto Wolff von Amerongen, der Vorsitzende des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, hat auf den Unterschied zu den schlichten Kompensationsgeschäften (Röhren gegen Gas) mit der Sowjetunion hingewiesen: Polen wird eines Tages international handelbare Waren anbieten können. Mit den Devisen, die beim Verkauf der Produkte verdient werden, wollen die Polen den deutschen Finanzkredit wieder zurückzahlen. Sie müssen ihn natürlich auch dann zurückzahlen, wenn sie auf den Produkten sitzenbleiben.

Die Bedingungen für den 2,65-Milliarden-Mark-Kredit müssen erst noch ausgehandelt werden. Für die Volksrepublik Polen, bei der die Bank Handlowy in Warschau als Kreditnehmer auftreten wird, ist es der größte Einzelkredit, den sie je bekommen hat. Die Verhandlungen können sich, wie in solchen Fällen üblich, noch einige Monate hinziehen. Die Laufzeit wird 8 1/2 Jahre nach Abschluß der Lieferperiode nicht überschreiten dürfen, weil die Bundesrepublik über die Hermes-Kreditversicherung den weitaus größten Teil des Kredits – nämlich zwei Milliarden Mark – durch eine gebundene Finanzkreditdeckung absichern wird.