Normalerweise sind Amateure und Profis verfeindete Brüder. Aber Olympia 1972, Fritz Wiene und Paul Günnemann hatten es möglich gemacht. „Die bestmögliche Vorbereitung ist gerade gut genug für uns“, hatte der Essener Altfunktionär Günnemann, damals Sportwart des Deutschen Amateur-Box-Verbandes (DABV), richtig erkannt und Verbindung zu dem schwergewichtigen Pelzhändler Wiene in Hamburg geknüpft. Bei ihm stand Profimeister Jürgen Blin unter Vertrag. Der richtige Mann also offenbar, um Peter Hussing in die richtige Olympiaform zu versetzen.

In Bad Lauterberg, Bad Kreuznach und der Alsterdorf Sporthalle in Hamburg wurde im Sommer 1972 dreimal je eine Woche gemeinsam trainiert, Hussing hatte endlich einen Sparringspartner gefunden, der nicht gleich bei jedem Schlag kniff – wie es seine Amateurpartner bis dahin stets taten. Schließlich genügte es ihnen, wenn sie bei den Deutschen Meisterschaften Prügel von Peter Hussing bezogen, der nach zwei knappen Final-Niederlagen gegen den später in den Alpen tödlich verunglückten Westfalen Heinz-Dieter Renz seit 1969 (bis heute) die Schwergewichtsklasse als Meister beherrscht.

Die Amateure dachten bei ihrem Trainingsgeschäft mit den Profis nur an Olympia, Partner Fritz Wiene allerdings mehr an Profit, Er verriet sich in jener Zeit, als er ungeniert sagte: „Da läuft eine Million Mark durch den Ring.“ Mit der einen Million meinte er Hussing. Aber der winkte ab. Peter Hussing winkte noch häufiger ab.

In Kirchen an der Sieg am 15. Mai 1948 gehören, lebt Peter Hussing seit vielen Jahren im kleinen westfälischen Brachbach bei Siegen. Er gab den Wohnort auch dann nicht auf, als der amtierende Deutsche Mannschaftsmeister Ringfrei Mülheim mit Erfolg bei ihm angeklopft hatte. Peter Hussing blieb auch mit seinem ersten Wohnsitz in Brachbach, als er zeitweise zum täglichen Training in die Nähe der Sportschule Hennef und inzwischen nach Mainz umsiedeln mußte.

Heinz Birkle, Paul Günnemanns Sportwart-Nachfolger, hatte nämlich im ehemaligen deutschen Leichtgewichtsmeister Wolfgang Schmitt einen Trainer für Hussing gefunden, mit dem der 1,93 m große und zwischen 107 und 115 Kilogramm schwere Amateurboxer noch keinen solchen Kampf ausfechten mußte wie mit Cheftrainer Dieter Wemhöner, dessen Rücktritt Hussing in einem plötzlichen Gefühlsausbruch nach einem Zeitungsartikel kurz vor den Olympischen Spielen 1972 in München plötzlich gefordert hatte. In diesem Bericht hatte Wemhöner die Vorbereitung Hussings auf dieses Turnier kritisiert und vom „langsamen Profigang“, den er sich im Sparring mit Jürgen Blin angewöhnt habe, gesprochen.

Das Bemerkenswerte an diesem Streit: Wemhöner blieb Cheftrainer – Hussing blieb Amateur. Beide zusammen sorgten auch für eine internationale Erfolgsserie, die dem Boxer 1959 bei denEuropameisterschaften in Bukarest Bronze, 1971 und 1973 bei den Europameisterschaften in Madrid und Belgrad jedesmal Silber und dazwischen bei den Olympischen Spielen 1972 in München nochmals Bronze eingebracht hatte. Nur von den Weltmeisterschaften 1974 in Havanna und den Europameisterschaften 1975 in Kattowitz kehrte Hussing erfolglos zurück: Olympiasieger und Weltmeister Teofilo Stevenson (Kuba) und Europameister Andrzej Biegalski (Polen) hatten den Riesen jeweils in der ersten Runde gefällt. Man sprach vom Ende einer Karriere.

Da stellte sich neulich im Budapester Boxturnier um die Honved-Kupa Anfang April ein Peter Hussing vor, der – resolut wie selten, angriffslustig und schlagschnell wie kaum zuvor in einem Auslands-Wettkampf – nach zwei deutlichen Punktsiegen über Kubas zweitbesten Schwergewichtler Angel Milan und den sowjetischen Armeemeister Wjatscheslaw Alexejew nur deshalb um einen dritten Sieg und das mit Spannung erwartete gesamtdeutsche Finaltreffen gegen DDR-Meister Jürgen Fanghänel gebracht wurde, weil die Ärzte im Budapester Sportler-Krankenhaus eine tiefe Wunde über dem Auge mit fünf Stichen hatten nähen müssen.