Von Dieter E. Zimmer

Auch im Bereich der Künste ist die Spezialisierung heute weit fortgeschritten. Wer in seiner Jugend ein einigermaßen ergiebiges Denk- und Strichmuster findet, bleibt meist dabei; in seiner künstlerischen Vita erstarrt es zu einem besonderen (und unveränderlichen) Kennzeichen, das schnelle Identifizierung erlaubt. Trifft es zufällig mit passenden Ondulationen des Zeitgeists zusammen, so bietet es seinem Träger die Chance, für eine Weile Wortführer und Beweger zu sein; dann legt der Zeitgeist es zu den Akten und läßt einen sich selbst wiederholenden Jung-Greis zurück, einen zwar noch lebendigen, aber bei lebendigem Geist erledigten Avantgardisten.

Dem schwedischen Schriftsteller Lars Gustafsson hätte leicht ein solches Schicksal blühen können. In seinen Zwanzigerjahren schrieb er perfekte Gedichte, unter anderem über einen an Gewißheit heranreichenden Verdacht: den (von Noam Chomskys Linguistik genährten) Verdacht, daß der Mensch ohne Geheimnis sei. Die Grammatik: eine unpersönliche Maschine, „die das Gebrabbel der Kommunikation auswirft“. Der Mensch: eine mechanische Puppe. Nicht wir denken, die Sprache denkt uns. Oder, wie der Gedanke in dem (etwas undeutlichen und skizzenhaften) Roman „Der eigentliche Bericht über Herrn Arenander“ (1966) weitergeführt wurde: das Leben als eine durch und durch öffentliche Angelegenheit; immerzu würde man von anderen wahrgenommen, bekämpft, geliebt, nie sei man allein für sich, nie könne man sich in sich selber vor diesem Publikum verstecken – „Wir leben nicht. Es lebt uns.“

Was derartige Einsichten für den darstellen, den sie überkommen, liegt auf der Hand: die Einladung zu einer vollkommenen Misanthropie, in der sich das Leben auf eine Automatenfunktion reduziert. Künstlerisch können sie dennoch viel hergeben; eine wie auch immer entschiedene Optik bringt immerhin so etwas wie Ordnung in die Welt, und in einer Zeit des Sinnzerfalls und Sinnentzugs hungert das Publikum nach solchen Ordnungsvorschlägen.

Lars Gustafsson hat das Naheliegende nicht getan und nicht mit sich machen lassen. Eine seiner ganz großen Stärken nämlich ist eine unersättliche Neugier – seine Offenheit, seine Beweglichkeit, die jugendliche Senilität nicht zuläßt. Die andere ist seine vielseitige Intellektualität. Er interessiert sich einfach für sehr viel mehr als die meisten Leute und auch als die meisten seiner schreibenden Kollegen; und zu den Gegenständen seines Interesses gehören auch Theorien. Von der Funktionsweise eines nachbarlichen Treibhauses schreibt er mit der gleichen Natürlichkeit wie über Hegels Dialektik. Er studierte Philosophie und Mathematik und mathematische Logik in Uppsala und Oxford. Er sammelte Kenntnisse über die Geschichte der Naturwissenschaften und insbesondere über die Frühgeschichte der Technik. Er vertiefte sich in Monteverdi und Berlioz. Er studierte die Kniffe der Landschaftsmalerei und versuchte sich selber als Maler. Und er verlor sich dabei nie in ein sich selbst genügendes Kenner- und Spezialistentum. Was er sich herbeilas, herbeifragte, herbeidiskutierte, blieb ihm lebendiger Stoff: nämlich Stoff, an dem sein eigenes Leben zu messen und mit dem es zu bauen war.

Kurz, unter den heutigen Schriftstellern ist Lars Gustafsson eine ziemlich einmalige Erscheinung: ein Denker, ein Theoretiker, der jedoch die sinnliche Erfahrung nie von der Theorie überwältigen läßt, für den das Denken eine der natürlichen Lebensfunktionen ist.

Die hermetischen, artifiziellen Kunstwerke über die Welt der Maschinenmenschen, die von ihm zu erwarten gewesen wären, hat er nicht mehr geschrieben. Er revidierte sich. Ende 1969 faßte er den Plan, den geschichtlichen Augenblick in einem fünfbändigen Romanwerk festzuhalten. Die ersten drei Bände liegen inzwischen vor: „Herr Gustafsson persönlich“ (1971), „Wollsachen“ (1973), zuletzt –