Jedes Wort, jede Geste wird in der Öffentlichkeit kritisch registriert

Von Michael Salzer

Stockholm, im Juni

Wo immer sie auftritt, lächelt Silvia Sommerlath. Nicht mit einem gezwungenen Mannequinlächeln oder der berufsmäßigen Routine einer vormaligen Olympiahostess, sondern spontan, warm und herzlich. Sie ist offenbar glücklich über die ihr entgegengebrachte Begeisterung der sonst eher so zurückhaltenden Schweden, fühlt sich schon vertraut mit ihrer neuen Rolle als Königin.

Sie hat sich auch schon daran gewöhnt, bei offiziellen Empfängen einen halben Schritt hinter dem König zu stehen, Blumensträuße mit der Linken entgegenzunehmen, während sie mit der Rechten Hände schüttelt („sehr ordentlich übrigens, nicht wie eine Katzenpfote“, wie es ein Arbeiter bei einem Fabrikrundgang feststellte), und ungezwungen und herzlich zurückzuwinken, wenn ihr die spalierbildenden Leute zujubeln. Sie ist immer sehr korrekt gekleidet, liebenswürdig, ohne leutselig zu wirken, offenmütig und schlagfertig, mitunter etwas schnippisch, besonders Reportern gegenüber, aber mit einem entwaffnenden Augenzwinkern, übernimmt gelegentlich eine an ihren künftigen Mann gerichtete Frage, wenn sie sein verlegenes Zögern bemerkt oder er sie fragend ansieht.

Mit ihrem natürlichen Auftreten, ohne Spur von Verlegenheit oder Scheu, dementiert sie die Aschenbrödelromantik der sentimentalen Berichte in den Illustrierten, zeigt sich als die rechte Frau am rechten Platz. Sie scheint auch ganz unbekümmert um die in diesen Tagen des schwedischen Gewerkschaftskongresses neuerlich vorgebrachten Forderungen nach Abschaffung der Monarchie. Mit Recht befürchten die Antiroyalisten im Widerschein der königlichen Hochzeitsfeier die weitere Vertagung der konkreten Republikdebatte auf Generationen hinaus; Silvias Einzug ins Stockholmer Schloß hat die Begeisterung für das bisher im Grunde wenig beachtete Königshaus neu geschürt. Dabei hat sich gezeigt (wovor die Republikaner immer schon warnten), daß der politisch und administrativ so gründlich entmachtete König für die breite Masse weiterhin ein mächtiger Faktor im öffentlichen Leben darstellt. Sein tatsächlicher Einfluß geht weit über die Gesetzesparagraphen hinaus, die ihn zur Galeonsfigur des von Regierung und Reichstag gesteuerten Staatsschiffes reduzieren sollen.

Komplizierter Balanceakt