Erfahrungen aus dem Tagesablauf einer Pflegestätten-Leiterin

Von Christel Hofmann

Am Morgen werden sie von den Zivildienstleistenden auf ausgestreckten Armen hereingetragen wie überdimensionale Brote, oder geschultert wie weichgestopfte Kissen. Während die Sonderkindergarten-Kinder über sie hinwegkrabbeln, holen sie auf dem Teppich der Eingangshalle den Schlaf einer unruhigen Nacht nach. Hernach werden auch sie in die Gruppen gebracht. Von der Anreise im Bus sind die Windeln naß geworden und müssen gewechselt werden. Da die schwerstbehinderten Kinder keine ihrer Bewegungen unterstützen können, reichen zwei Personen gerade zum Trockenlegen aus. In der hier beschriebenen Einrichtung betreuen zwei Fachkräfte sieben Schwerstbehinderte, was am Bundesdurchschnitt gemessen einen günstigen „Personalschlüssel“ darstellt. Nach dem Trockenlegen gibt es Frühstück. Das Füttern einer Breimahlzeit dauert, je nach intakten oder mangelhaften Kau- und Schluckreflexen, bis zu einer Stunde. Durch den zeitlich aufwendigen Pflegeablauf beim einzelnen kommen die übrigen Kinder unentwegt zu kurz in ihren sozialen Kontakten und Anregungen. Eine Person für ein oder zwei Schwerstbehinderte wäre vertretbar. Kleinere Behinderte, die manchmal zur Tür hereinkommen, sind durch ihr unbefangenes Schmusen und Betasten wahre Nothelfer. Bleibt die direkte Zuwendung aus, versinken die Älteren in Schlaf oder Dösen.

Zwischen Füttern und Trockenlegen wird, wenn es die Zeit erlaubt, „stimuliert“. Das heißt, den Schwerstbehinderten wird ein Reiz angeboten, den sie trotz der Schwere ihrer Behinderung empfangen können: Bürstenmassage, das Auflegen kalter oder heißer Tücher, Föhnen, Glockentöne, Vibration auf der Haut mit einem alten Rasierapparat. Wenn die Kontrakturen in Armen und Beinen nicht zu stark sind; massiert eine Krankengymnastin die Glieder jeden Tag durch.

Wer nicht husten kann, wird mit dem Absaugegerät abgesaugt, um die Atmung zu erleichtern. Da sie alle beständig liegen, werden sie im Laufe des Tages mehrfach in andere Lagen gebracht. Krampfanfälle werden mit Datum, Uhrzeit und Dauer in die „Krampfkalender“ eingetragen.

Desgleichen gibt es einen Stuhlgangkalender. Wo die Darmmuskeln nicht funktionieren, wird der Stuhlgang mit einer Glyzerinspritze aus dem Darm geholt. Das Ergebnis wird vermerkt.

An schönen Tagen werden sie in Spezialstühlen auf die Wiese gerollt.. Da die Sonne Krämpfe provoziert und der Wind der unabgehärteten Haut schadet, werden beständig die Sonnenschirme um sie herum zurechtgerückt.