Von Günter Grass

Wir alle, sofern wir Bücher schreiben, brauchen den Verleger, wie der Verleger den Autor braucht: eine Binsenwahrheit. Wir alle haben Erfahrungen mit Verlagen gemacht, mit großen, mittleren, kleinen Häusern. Und alle kennen wir die stehende Redensart: Der Verleger geht ein großes Risiko ein, mit jedem Buch, mit jedem unbekannten Autor. Doch selten oder nie ist die Rede vom Risiko des Schriftstellers, der sich mit seiner Buchproduktion, also der Summe seiner Existenz, einem Verlag anvertraut. Er, der Autor, hat mit Vertragsabschluß die Eigentumsrechte an seinem Buch weitgehend an den Verleger übertragen, über den Tod hinaus, schier unlösbar. Der Verleger jedoch kann – oder seine Erben können – den Verlag an einen Meistbietenden verhökern mit allen unter Vertrag stehenden Titeln, das heißt: er kann die Autoren mitverkaufen.

Mit anderen Worten: im Verhältnis der Verleger zu ihren Autoren hat sich ein Rest Leibeigenschaft gehalten. Vorkapitalistisch können nach wie vor Rittergüter in Verlagsgestalt, samt Gesinde und Althäuslern, verscherbelt werden, wobei der Käufer natürlich das Recht hat, die pauschal gekaufte Seelenmasse auf ihren Marktwert zu prüfen. Im groben Sieb werden in Einzeltitel Verfallene Autoren geschüttelt. Von den durchfallenden toten Seelen ist bald nicht mehr die Rede. Hart, sagen die Verleger, ist nun mal der Konkurrenzkampf; schließlich tragen wir das Risiko.

Eine Vielzahl von kleinen und mittelgroßen Verlagen ist im Verlauf der letzten Jahre auf so feudale Art verwirtschaftet worden. Der Substanzverlust an Literatur wäre nachzuweisen. Doch kaum ein Hahn krähte, obgleich ringsum von Kapitalismus und Sozialismus, von Mitbestimmung und Kontrolle über die Produktionsmittel, sogar von Literaturproduzenten die Rede war.

Doch die Verleger begriffen sich nicht als angesprochen. Weil ihr Verhältnis zum Autor und überhaupt zum Gewerbe ein vorkapitalistisches, eher ständisches, patriarchalisches, gelegentlich auch mäzenatenhaftes Verhältnis auf Treu und Glauben ist, überwinterten die im Börsenverein versammelten Verleger wie unbetroffen; und ihre leibeigenen Autoren waren so sehr mit der Befreiung anderer beschäftigt, daß ihnen gar nicht auffallen wollte, daß ihre eigene und hingenommene Unfreiheit oft lächerlich im Gegensatz stand zu ihren in jede Himmelsrichtung posaunten Proklamationen.

Die bloße Tatsache, daß ich seit dreieinhalb Jahren an einem umfangreichen Manuskript arbeite, versetzte mich, weil Interesse an diesem Buchmanuskript Vorgegeben war, in einen für den Autor günstigen Verhandlungsstand.

Gefordert wurde von mir die Mitbestimmung in allen den Gesamtverlag (also auch die Autoren) betreffenden Problemfällen, Ich nannte drei Punkte: