Die Rothschilds möchten ihre Finanzkraft stärken. Britische und französische Clan-Mitglieder wollen enger zusammenarbeiten.

Was der französische Präsident Giscard d’Estaing, in dieser Woche zu Staatsbesuch in London, auf politischer Ebene erreichen möchte, planen die Rothschilds für sich bei den Finanzen: engere anglo-französische Beziehungen. Lord Rothschild, Chef des englischen Familienclans und Vorsitzender der Londoner Merchant Bank N. M. Rothschild & Sons, hält die Zeit für gekommen, zur geschäftlichen Kräftigung des Rothschild-Clans das Verhältnis zu den französischen Vettern zu vertiefen.

Die Rothschilds auf beiden Seiten des Kanals waren einst eng verbunden, hatten eine Reihe gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen, rückten dann aber geschäftlich auseinander. In den letzten Jahren knüpften sie nun wieder engere personelle Bande. Die beiden prominenten französischen Rothschilds, Baron Edmond de Rothschild und Baron Guy de Rothschild, übernahmen Vorstandspositionen in der Rothschild Continuation, der englischen Rothschild-Holding. Umgekehrt bezogen britische Clan-Mitglieder Beobachterpositionen bei. Schweizer Unternehmensablegern des französischen Familienteils.

Mit einem Wachwechsel bei N. M. Rothschild & Seins rücken bei diesem Annäherungsprozeß nun auf britischer Seite verstärkt auch jüngere Familienmitglieder in den Vordergrund: Der 65jährige Lord Rothschild legt den Vorsitz nieder. Nachfolger wird nicht sein 40jähriger Sohn Jacob, Direktor der Bank und Vorsitzender des Rothschild Investment Trust (Lord Rothschild: „Er ist ein Finanzgenie“), sondern der 44jährige Neffe Evelyn de Rothschild, ebenfalls Rothschild-Bankier. Der neue Chef hat auch Interesse am Zeitungsgewerbe: Er ist Direktor beim angesehenen Wirtschaftsmagazin Economist und beim Verlag Beaverbrook Newspapers. Die Londoner Bank ist eine der prominentesten Merchant Banks in der City und vor allem im traditionellen Geschäft der Merchant Banks, in der Kapitalbeschaffung, tätig.

Lord Rothschild, der scheidende Vorsitzende, ist kein gelernter Bankier. Er war vielmehr als Biologe lange Jahre Chef der Shell-Forschung. Obwohl Mitglied der Labour-Party, holte ihn der konservative Premierminister Edward Heath 1970 in den Dienst der Regierung: als Vorsitzender eines neu gebildeten permanenten Beraterstabs. Im Jahr 1975 übernahm dann der Lord den Bankvorsitz. Seitdem hat sich die Annäherung der britischen und französischen Familienzweige beschleunigt. wkr