Der Abwurf kam wie ein Faustschlag. Die 15 Pfund schwere Eisenkugel flog durch die Luft, den pfeifenden, am Ende zum Griff gebogenen Draht wie einen Kometenschweif hinter sich herziehend. Der Hammerwerfer Karl-Hans Riehm stand leicht vornübergebeugt, das Körpergewicht auf dem vorderen Bein, der hintere Fuß gerade noch mit der Spitze auf den rauhen Beton des Wurfringes gesetzt, und blickte der Kugel nach.

Die Szene wiederholte sich. Einmal, zehnmal, zwanzigmal. An diesem Vormittag hörte Karl-Hans Riehm nach 20 Würfen auf. Der Rücken des im vergangenen Jahr trotz verlorenen Weltrekordes weltbesten Hammerwerfen schmerzt. Genau an der kritisches Stelle, zwischen dem fünften und dem sechsten Wirbel, dort, wo die Wirbelsäule die größte Krümmung hat.

„Im Februar fehlten mir noch über tausend Trainingswürfe“, sagte Karl-Hans Riehm. 1200 bis 1300 Würfe standen auf der Liste, nur 84 wurden als erfüllt abgehakt. Inzwischen trainiert er immerhin schon die Hälfte des Quantums, das in Montreal Goldmedaillen-Größe haben soll.

Eine halbe Stunde später, beim Mittagessen im Unteroffiziers-Kasino der Bundeswehr-Sportschule Warendorf: „Ich bin erstaunt, daß ich gegenüber dem Vorjahr die Leistungs-Progression einhalten konnte“, sagte Karl-Hans Riehm, „Es wird in diesem Jahr im Hammerwerfen noch einmal diesen Ruck wie 1975 geben, also man wird 80 Meter werfen.“

„Sie und wer sonst noch?“ fragte ich. „Die Ostblock-Werfer er können bei großen Wettkämpfen immer noch einen Meter zulegen. Darum möchte ich dieser Entwicklung zuvorkommen“, sagte er. Wie im vergangenen Jahr, als er als erster den Weltrekord bis auf 78,50 Meter verbesserte und alle wichtigen Wettkämpfe danach gewann. „Ich bin auf 80-Meter-Würfe der anderen eingestellt. Wenn ich meine Leistung aus dem Vorjahr nur wiederholte, wäre das schon ein Rückschritt.“

„Da haben Sie in einem Wettbewerb gleich sechsmal den Weltrekord überboten, und jetzt wollen Sie wieder Weltrekord werfen“, sagte ich.

Karl-Hans Riehm sah mich über seinen Teller mit dem Schnitzel hinweg an und sagte: „Ganz offen, es ist so, daß ich mir eine Weite vornehme, von der ich weiß, daß ich sie noch nicht erreichen kann. Aber sie hilft mir, mein Optimum zu erreichen. Und ganz für mich sage ich auch, was ich mir da jetzt vornehme, ist durch irgendwas doch zu schaffen.“