Von Manfred Sack

Bologna – das ist längst nicht mehr bloß der Name einer imponierenden alten Kulturstadt, sondern das Signum eines Programms, das einen pikanten Reiz besonders in solchen Ländern entfaltet, in denen der Kapitalismus, mehr oder weniger gebändigt, ja auch die Gestalt der Stadt bestimmt. Denn Bologna ist rot. Seit drei Jahrzehnten sitzen die Kommunisten im Rathaus. Und als ob das Wunder seinen Schatten würfe: sie haben bewiesen, daß sie tüchtige, geduldige, phantasievolle, umgängliche Kommunalpolitiker und -Verwalter sind und daß sie es geschafft haben, die Stadt ziemlich frei zu halten von Manipulationen, Korruption, Schlamperei, von Skandalen jedenfalls. Wie keine andere ihrer Größe – etwa eine halbe Million Einwohner – erhielt sie sich ihre städtische Substanz, bewahrte die Urbanität vor der Spekulation, vermied die sonst schnell als unvermeidlich angesehene Degeneration zum Dienstleistungszentrum und seiner Langweiligkeit.

Was es damit auf sich hat und wie es zuwege gebracht wurde unter dem kapitalistischen Gesetz der „freien Wirtschaft“, haben nun drei Schweizer Journalisten aufgeschrieben –

Max Jäggi, Roger Müller, Sil Schmidt: „Das Rote Bologna – Kommunisten demokratisieren eine Stadt im kapitalistischen Westen“; Verlagsgenossenschaft, Zürich, 1976, (Auslieferung Bundesrepublik: Profit, Postfach 29 69, 63 Gießen); 304 S., etwa 100 Photos von Otmar Schmid, 32,– DM.

Ursprünglich waren die Autoren, wie sie anmerken, nur „mit einem journalistischen Routineauftrag“ nach Bologna aufgebrochen – sie sind dann, von ihrem Sujet fasziniert, zehn Monate geblieben. So sollte es niemanden wundern, daß sich ihre Sympathie für diese bemerkenswerte Stadt deutlich in einem enthusiasmierten, kaum kritischen Bericht ausdrückt. Sie sind, daran lassen sie keinen Zweifel, für dieses Bologna. Und so fällt am Ende dem Bürgermeister, dem Wirtschaftsprofessor Renato Zangheri, die Rolle zu, die Euphorie zu dämpfen.

Als Politiker damit beschäftigt, hochfliegende (und sehr freundliche) Pläne mit der wenig nachgiebigen Wirklichkeit in Einklang zu bringen, weiß er natürlich, daß sie sich nur Stückchen für Stückchen durchsetzen lassen, zumal in einem bis jetzt von den Christlichen Demokraten regierten Land, und in keinem anderen liegt die „Rote Stadt“. „In Bologna“, sagt Zangheri seinen drei Interviewern, „befiehlt die Democrazia Cristiana, genauso wie im ganzen Land. Denn sie hat die großen Banken in den Händen; sie hat die wirtschaftliche Macht; sie hat das Fernsehen, das die Bologneser sehen. Und die Radiosendungen, die die Bologneser hören, werden in Rom von der Democrazia Cristiana gemacht, und auch die kulturelle Information schöpft ihre Kräfte aus den Quellen der Christdemokraten. Das scheint Ihnen vielleicht übertrieben, aber dagegen müssen wir hier ankämpfen, wenn auch mit sehr bescheidenen Mitteln.“

Es ist auch nicht nur dieses Bedingungsgefüge, in dem sich ein politischer Gegensatz durchzusetzen versucht, nicht nur das Steuerungssystem, das beispielsweise den Renditejäger dem gejagten Mieter prinzipiell vorzieht, sondern das sind auch die bürokratischen Schikanen, die die Zentralisierung in Rom den Querschützen in der toskanischen Provinz antut, und das ist auch das natürliche Phlegma der Bürger, obwohl gerade sie in dieser Stadt auf eine offenbar vielversprechende Weise zum Mitdenken angeregt werden. Daß Bologna als die womöglich am besten verwaltete Stadt Italiens gilt, liegt sicherlich auch an dem, was der Bürgermeister die Demokratisierung der Verwaltung nennt, „nämlich die Organisation einer direkten Mitbeteiligung derBürger“.