Von Dieter Hildebrandt

Es geschah kürzlich bei der Debatte über die Deutsche Nationalstiftung im Berliner Abgeordnetenhaus. Da hatte es schon einiges an ungewohnt hitzigem Hin und Her gegeben, da waren große Worte gefallen wie das von der „Einheit der deutschen Kulturnation“ (Lorenz), und der Regierende Bürgermeister hatte sich an den Sophismus gewagt: „Da Berlin nicht Hauptstadt der Deutschen ist, muß es zumindest ihr Mittelpunkt sein.“

Der FDP-Abgeordnete Ulrich Roloff hatte dann die Stirn gehabt, nach den konkreten Aufgaben der Stiftung zu fragen und sie als bloßen Sammelort für Traditionelles in Zweifel zu ziehen. „Dies muß ein Treffpunkt von Kunst und Künstlern, aber nicht von Kulturbürokraten werden.“

Kurz darauf aber ging Heinrich Lummer ans Rednerpult, jener dynamische CDU-Mann, der immer ein bißchen in Erscheinung zu treten versteht wie der Rausschmeißer einer Nachtbar, und sagte mehr klipp als klar, was die Nationalstiftung im einzelnen und überhaupt tun solle, das stehe hier gar nicht zur Debatte, sondern es gehe einzig um die „Standortfrage“, nämlich darum, daß die Sache nach Berlin komme, wohin sie nach Ansicht seiner Fraktion unbedingt gehöre. Im Klartext hieß das: Was die Nationalstiftung später mal tut, soll uns (noch) nicht kümmern; Hauptsache, wir haben sie erst mal. Und Bürgermeister Schütz ließ sich später durch einen Zwischenruf Lummers hinreißen zu sagen, auch er habe von Anfang an immer „Hier!“ für Berlin gerufen, und Bundeskanzler Schmidt habe ihm zweimal den Standort Berlin versprochen. (Das Dementi kam nicht erst aus Bonn; es war der Gequetschtheit schon anzuhören, mit der Schütz diese Auskunft gab.)

Wieder einmal will West-Berlin den Löwen auch spielen, wie Zettel in Shakespeares „Sommernachtstraum“, und natürlich sagt es wie Zettel: „Wenn ich das Gesicht verstecken darf, so gebt mir Thisbe auch. Ich will mit ’ner terribel feinen Stimme reden ...“

In der Geschichte der West-Berliner Kulturpolitik wimmelt es von Löwen und Thisben, von Kulturzentren und Welt-Instituten, von institutionellen Luftschlössern, die oft auch von Zugereisten vorgezaubert worden sind – kurz, von Sommernachtsträumen aller Art. Es gab Zeiten, da das verständlich und beinah sympathisch war, weil der therapeutische Zug, der kulturpolitische Elan sich erkennen ließen. Aber mit jedem Projekt, das auf der Strecke blieb oder bei den Akten, wuchs doppelt die Resignation. Die Berliner Debatte über die Nationalstiftung, vor allem aber der kleinkarierte Eifer um den alleinigen Standort ist nur ein weiteres Kapitel im überkandidelten Rollenbuch der Halbstadt, und der Satz, mit dem der Publizist Peter Bender vor kurzem soviel Ärgernis erregt hat, läßt sich auch auf die neueste Rangelei anwenden: „Läßt sich die wahre Gefahr für die Stadt so schwer erkennen, daß sie allmählich ihrer gesamten Umwelt auf die Nerven fällt?“

Dabei hatte es in letzter Zeit deutliche Anzeichen dafür gegeben, daß Berlin zur Sache kommt, zu bescheideneren, aber dafür praktikablen Vorhaben. Man wolle, so das Konzept des neuen Kultursenators Löffler, das ihm sein Senatsrat für Kunst, Peter Nestler, ausgearbeitet hat, weg von der „kulturpolitischen Fremdbestimmtheit“, man wolle eine „Reduzierung auf das Mögliche“ und sich einrichten auf ein paar magere Jahre. Und auch dieser Satz ließ sich hören: „Berlin muß mit Kunst Politik machen, und zwar Wirtschaftspolitik, Lebenspolitik und Überlebenspolitik.“