Das 107. Deutsche Derby muß einen Wettbetrug verkraften

Von Gerhard Seehase

Es muß wohl so sein, daß Leute, die bestaunt werden wollen, immer Leute finden, die staunen können. Und so wird man beim 107. Deutschen Galopp-Derby in Hamburg-Horn wieder vor dem weißen Eingangsportal an der Rennbahnstraße stehen und den unsichtbaren Hofknicks machen, wenn die großen Hüte aussteigen. Wäre das pferdesportliche Ereignis des Deutschen Galopp-Derbys auf die Pferde beschränkt, es wäre nur halb so schön.

An diesem 4. Juli 1976 also geht es nicht nur um die Frage, ob der Hengst Waltz aus dem Stall Moritzberg, Sieger im klassischen Union-Rennen, seine Favoritenstellung gegen die Schlenderhaner Swazi, Lepanto und Stuyvesant wird verteidigen können, es geht – wie vor jedem Deutschen Galopp-Derby – nicht weniger darum: was zieht man an?

Einmal im Jahr wird’s in Hamburg-Horn so richtig gemischt: der Hemdsärmelige neben dem Nelkenbefrachteten, das Monokel neben der Brille, der Hut neben der Kreation. Und wenn der Herr Graf belieben, Knackwurst am Stand zu essen, dann darf unsereins wohl auch zur Feder greifen und Ketzerisches verbreiten. Natürlich, nur für diesen einen Tag.

Hereinspaziert, ihr Leute; wer keine Pferde mag, dem wird immerhin noch ein sehr lebenmag, Stück aus dem Panoptikum der menschlichen Gesellschaft geboten. Die Akteure haben sich manchmal stundenlang vor dem Spiegel präpariert, nur um sich und dem werten Publikum zu gefallen. Wo ist es dem Durchschnittsbürger schon einmal gestattet, so nah ans Gitter zu gehen, um das "große Tier" der Gesellschaft zu bewundern. Hier wird der Mensch, der nach Scotch-Whisky aussieht, selbst wenn er Bier trinkt, einmal ganz anders gesehen: nämlich feierlich. Die Apparatur des großen Lebens guckt quasi durch die Knopflöcher, wenn es um das Blaue Band des Turfs geht; was Wunder, wenn bei der Betrachtung jener Geschöpfe, die mit Zylinder kommen, auch heute noch erlauchtigstes Staunen ausbricht.

Wunderschöne Marionetten