Das muß man zweimal lesen, ehe man es glaubt: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht 1976 die (bisher noch) angesehenste literarische Auszeichnung, den Georg-Büchner-Preis (zehntausend Mark), dem Schriftsteller Heinz Piontek.

Nichts gegen Piontek. Der 1925 in Oberschlesien geborene Autor ist zwar ein mittelmäßiger Romancier, aber doch ein sympathischer Lyriker, der seiner Vorstellung vom naturmagischen Gedicht treu geblieben ist, auch als dies, während des letzten Jahrzehnts, weder politisch noch ökonomisch noch literarisch oder gar literaturkritisch opportun gewesen ist. Auch dies könnte Aufgabe der Akademie sein: einen Dichter ehren, der mit Konsequenz Inseln der Stille und sensiblen Nachdenklichkeit verteidigt, die gerade für eine sich an Zahlen von Profit und Wirtschaftswachstum berauschende Gesellschaft lebensnotwendig sind – auch wenn – Joachim Kaiser die Erzeugnisse des Preisträgers schon 1955 „ein wenig süßlich“ fand, „nicht immer rein von Banalem, Sentimentalem“.

Nun hat aber dasselbe Preisrichter-Kollegium gleichzeitig den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay (sechstausend Mark) dem Schriftsteller und Lyriker Peter Rühmkorf zugesprochen. Damit wird ein Vergleich zwischen beiden Autoren herausgefordert, der vor allem der Jury nicht bekommt. Nicht ungetadelt soll die Akademie, der es gelungen ist, aus dem Bewußtsein selbst der literarischen Öffentlichkeit zu verschwinden, die höchste literarische Auszeichnung beider Deutschlands in Verruf bringen.

Von Gottfried Benn über Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner, Max Frisch, Günter Eich, Paul Celan, Wolfgang Koeppen, Enzensberger, Ingeborg Bachmann, Grass, Hildesheimer, Böll, Heißenbüttel, Thomas Bernhard, Uwe Johnson, Handke, Hermann Kesten reicht die Liste der Autoren, die mit dem seit 1951 wieder gestifteten Preis ausgezeichnet wurden. Die Akademie hätte sich der Gesellschaft, die sie trägt, und der literarischen Öffentlichkeit noch weiter entfremden können – bisher konnte man sie guten Gewissens verteidigen, durch bloße Verlesung der Namen ihrer Preisträger: In ihnen war die deutsche Literatur der Zeit repräsentiert.

Diesen Anspruch hat die Akademie durch ihre neue Wahl verspielt. Da hat sie einen Dichter, Peter Rühmkorf, der in seiner politischen Wirksamkeit, seiner (auch sozial-)kritischen Schärfe, seinem Traditionsbewußtsein und seiner Bereitschaft, dem Volk, bis zum Kindermund, aufs Maul zu schauen, den Büchner-Preis verdient wie selten einer – und sie schiebt ihn ab auf den zweiten Platz, stellt in die Büchner-Nachfolge einen Poeten, dem die Kritikerin Elisbath Endres 1963 den Platz in der „Liga des Mittelmaßes“ zugewiesen hat: „Piontek gehört heute zum Fundus unserer Lyrik ..., ohne daß seine Werke dazu angetan sind, Begeisterung oder Verärgerung auszulösen“, in dessen Werk jedenfalls Vergleichspunkte zu dem unbequemen Büchner fehlen.

So weit, so schlecht. Nun pfeifen es die literarischen Spatzen aber von den Dächern, und der Buch-Fink der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Marcel Reich-Ranicki, zwitschert es ungeniert aus: Rühmkorf war Kandidat nicht nur der FAZ, die ihn seit Monaten in fast jeder Wochenendausgabe schreiben oder loben ließ, sogar vom einstmals schärfsten Gegner jener Zeitung, Hans Magnus Enzensberger, sondern auch der Akademie. Da schien „alles gelaufen“. Doch dann erinnerte sich die Jury der Aufsätze des FAZ-Kritikers gegen den vergreisten Akademiker-Club von Darmstadt. Von einem Gegner der Akademie, der sich schon als „Königsmacher“ feiern ließ, wollten sich die Akademiker von Darmstadt nicht ihre Entscheidung abnehmen lassen. So wurde Hilde Domin gegen Rühmkorf in die Schlacht geschickt und, als keine Einigkeit zu erzielen war, Piontek als Ausweich-Kandidat gekürt, Rühmkorf mit dem „zweiten“ Platz abgespeist.

Muß der beste deutsche Literaturpreis in derartigem Hickhack verhökert werden? Vielleicht hat die Akademie keinen Ruf mehr zu verlieren. Zu fragen aber ist, ob dem Ansehen der deutschen Literatur mit solchen Machenschaften nicht geschadet wird. Rolf Michaelis