Von Wolf gang Boller

Zweifel ausgeschlossen“, schrieb Tom Shirokka aus Nottingham zum Ferienende: „Dies ist von allen Hotels, in denen ich je wohnte, das geräuschvollste. Lärm, Lärm, Lärm – bei Tag und Nacht.“ Die Notiz findet sich im Gästebuch des Hotels Albatross auf der Chalkidiki im Norden Griechenlands und mag übertrieben sein oder nicht. Das Albatross ist charakteristisch für die vehemente touristische Entwicklung der Halbinsel in den vergangenen fünf Jahren. Oder deutlicher: Das Haus gleicht eher einer Vollzugsanstalt nach vorgegebenen Normen denn einer Stätte gesicherten Behagens.

Dies gilt für die meisten der neuen Herbergen im meerumspülten Ferienland: Die Gäste sind nicht Könige, sondern Konsumenten mit berechenbaren Wünschen und Potenzen. Die Hotelleistung wird gewissermaßen im Frischhaltebeutel verabfolgt. Im Albatross sind das klimatisierte Doppelzimmer zu etwa 40 Mark, Vollpension pro Tag und Gast rund 45, Frühstück drei, Mahlzeiten zehn Mark.

Die Bungalows beim Schwimmbecken ähneln Autogaragen, die Hotelwände sehen nicht sehr stabil aus, und zum Besuch des Nachtklubs ermuntert die Direktion bedenkenlos: „Sie tanzen, solange es Ihnen gefällt.“ Zweifel sind vielleicht wirklich ausgeschlossen. Auf der Chalkidiki ist wahrscheinlich zu schnell gebaut und Geld verdient worden. Am schnellsten haben die Manager des Ferienglücks begriffen, daß ihre Klientel das Amüsement der Erholung vorzieht. Das Albatross ist auf der Halbinsel dennoch ein Einzelfall. Beim längeren Studium des Gästebuchs wird zudem klar, daß die Leute hier letzten Endes sogar zufrieden waren.

Die Chalkidiki streckt drei Landzungen wie die Finger einer Schwurhand (beim Gelenk: Saloniki) ins glitzernde Blau der Ägäis. Der erste Finger ist heilig, der zweite noch weitgehend wüst und leer, der dritte Schauplatz zügiger Erschließung. Dieser dritte Finger ist nach Kassandra benannt, der schönen, unseligen Königstochter. Sie schaute die Zukunft. Aber keiner glaubte ihr.

Die Landzunge Kassandra trägt jetzt schon zur Hälfte die aufwendige Betonbürde eines für die ganze Chalkidiki berechneten Ferienparks mit Herbergen und touristischen Spielwiesen für 10 000 Menschen, viel klotziges Geschmeide bis zu zehn Stockwerken, Asphaltbänder, Apartmenthäuser, Schwimmbäder, Tennisplätze und Liegewiesen wie Halbedelsteine.

Die pompöseste und perfekteste Anlage repräsentiert Pallini Beach, eine Betonlandschaft mit Sandstrand, selbstbewußt und leistungsstark: 1200 Betten (plus Neubau von diesem Jahr mit noch einmal derselben Zahl) in komfortablen Zimmern, Suiten, Bungalows und Luxusapartments. Natürlich gibt es einen Nachtklub, mehrere Restaurants und Bars. Das Haus wird von deutschen Gästen bevorzugt und strotzt auch sonst von Vorzügen. Allerlei Sport, Spielzeug und sonstige Aktivitäten verstehen sich von selbst. Die Preise sind angemessen: in der Saison Halbpension pro Person und Tag rund 45 Mark, Doppelzimmer mit Halbpension etwa 70 Mark, Frühstück knapp drei, Menü ungefähr zwölf Mark. In der Selbstbedienungstaverne am Strand gibt es eine leichte Mahlzeit für drei bis fünf Mark und eine Flasche Retsina für weniger als fünf Mark. Das ist freilich immer noch mindestens doppelt so teuer wie im Nachbardorf Kallithea. Der zubereitete Fisch ist übrigens grundsätzlich nicht frisch, weil die Fischer von Kassandra nicht jeden Tag genug Fische für 2000 Gäste von Pallini Beach (und anderthalbtausend von Sani Beach und 1000 von Gerakina Beach) aus dem Meer ziehen können. Aber sonst garantiert das Markenzeichen Pallini ein gediegenes Fließbandprodukt (im Pauschalangebot von Touropa und ADAC).