Das Bundespostministerium in Bonn hat einen seiner Sprecher beauftragt, mit Vertretern der Presse das Verhältnis zwischen Briefträgern und Hunden zu erörtern. Dies geschah unter Hinzuziehung der Statistik. Der guten Sache wäre aber zweifellos mehr gedient gewesen, wenn auch die Psychologie und die Menschensowie Tiermedizin herangezogen worden wären; am besten auch die Chemie. –

Es sind neun Jahre vergangen, seit den Postboten ein Sprühgemisch aus Pfeffer und Öl verabreicht wurde. Wenn die Hunde herbeieilten, um die Postboten zu beißen, so wurden sie durch die eingesprühten Beamtenbeine abgestoßen. Doch sagt die Statistik heute, daß die Zahl der pro Jahr errechneten Bisse wieder den alten Stand erreicht habe: 2391 Bisse (in Worten: zweitausenddreihunderteinundneunzig).

Gewiß haben wir es hier mit einer schönen Leistung postalischer Statistik zu tun. Doch wüßten wir gern von der Veterinärmedizin, wieso im Laufe der Jahre der Anti-Biß-Spray für die Hunde den Schrecken verloren hat; dieselbe Frage müßte auch an die Chemie gestellt werden. Der Postsprecher teilte nichtsdestoweniger mit, daß neuerlich 20 500 Dosen dieses Abwehrstoffes bestellt und abgenommen wurden (in Worten: zwanzigtausendfünfhundert). Dieses Verhalten der Bundespostministerialbeamten kann nur durch die Psychologie geklärt werden.

Die Statistik konnte mit schönen Einzelheiten dienen: In 1845 Fällen handelte es sich im Vorjahre um „Kleinigkeiten“, das heißt, um Bisse, die dem Boten weiter nichts ausmachten oder ihm bis zu drei Tagen Krankheitsurlaub eintrugen. In 343 Fällen mußten die gebissenen Briefträger länger als drei Tage in Behandlung beziehungsweise Krankenurlaub bleiben. In jedem Falle aber, so betonte der Sprecher, sei der Hundebesitzer für den Schaden haftbar. So stellte sich denn unwillkürlich auch der Wunsch ein, ebenfalls Ansichten aus dem Lager der praktischen Medizin und der Versicherungswissenschaft zu. hören. Noch eines haben die Statistiker festgehalten: Auf dem Lande werden Briefträger weitaus häufiger gebissen als in den Städten.

Generell ist zu sagen, daß die Forschung auch hier noch am Anfang steht, so daß ich annehme, alle Beteiligten sollten für Hinweise dankbar sein, für Ratschläge und einschlägige Erlebnisberichte.

Wir zum Beispiel hatten einmal einen Collie, der das Unglück hatte, das Double eines prominenten Filmhundes zu sein, so daß alleKinder riefen: „Lassie, Lassie!“ Obwohl die Kinder ihr umarmten und an den langen Haaren zausten, biß er sie nie. Doch Briefträger biß er, vorausgesetzt, daß sie auf dem Rade vorüberkamen. Und auch dann biß er nur, wenn sie strampelten. Hielten sie die Pedale still, biß er nicht, sondern wedelte mit dem buschigen Schweif. Dieses Tier war in der Lage, den Postboten, je nachdem, wie schnell er die Pedale wirbeln ließ, so zu beißen, daß er bestimmte Vorhaben fest ins Auge fassen konnte, beispielsweise die goldene Hochzeit seiner Eltern, die tausend Kilometer entfernt wohnten. Schadensersatz und Reisekosten zahlte der Hund beziehungsweise seine Versicherung. Kurz: Es war ein Beispiel schöner Zusammenarbeit von Briefbote und Hund, die gewiß niemand missen wollte, denn oft stieg der Mann von seinem Rade, um das teure Tier zu streicheln, worauf dieses ihm den Handrücken leckte.

Die Wissenschaft sagt, daß, wenn ein Mensch erschrickt, er eine Drüse in Bewegung setzt, die Adrenalin in sein Blut spritzt. Dies ruft einen Alarm- und Angstgeruch hervor, den ein Hund nicht erträgt. Bei ihm spielt sich jetzt ein Vorgang wie beim Menschen ab: Ist es ein kleiner Hund, so kläfft er. Ist es ein großer Hund, so knurrt er kurz und packt dann zu. Bei unserem derzeitigen Haustier, dem Schäferhund Jau, hält es der Postbote so, daß er sein gelbes Auto direkt an den Briefkasten vorm Haus heranfährt, und zwar so dicht, daß beim besten Willen kein Platz mehr für einen Hund bleibt, sei er nun zornig oder zahm.