Hervorragend

Modest Mussorgskij: „Sämtliche Klavierwerke“. Für gewöhnlich sind nur die „Bilder einer Ausstellung“ zu haben, diese Suite von Klanggemälden, inspiriert durch eine Gedächtnisausstellung des Malers und Architekten Viktor Hartmann. Wie diese sind viele andere Klaviersätze Mussorgskijs von optischen Eindrücken inspiriert, und die Evokation dieser Bilder könnte Aufgabe des Pianisten sein. Michel Beroff, durch die Interpretation der Musik Messiaens wie Strawinskys auf ungeheure Präzision und Prägnanz, um nicht zu sagen: Härte getrimmt, geht Mussorgskijs Stücke mit Attacke an, heftig, abrupt, geradezu im Staccato – und wird dann wieder zart fühlend, ganz weich zeichnend, empfindsam. „Ein Kinderscherz“ heißt eine der kleinsten Miniaturen, und hinter dem vitalen, unkompliziertfröhlichen Geplauder der frühen ex- wie impressionistischen Visionen Mussorgskijs wird stets eine hauchdünne, zarte Schicht erkennbar – auch der laute Scherz hat einen verletzlichen Kern. (Electrola 1 C 187 – 14033/34, 2 LP 29,– DM)

Heinz Josef Herbort

Exotisch

Friedrich Gulda: „Gegenwart“. Dann und wann packt den weltberühmten Pianisten die grenzenlose Sehnsucht nach völliger Freiheit von den kodifizierten wie den bloß vereinbarten musikalischen Gesetzen, Konventionen und Usancen. So ist wohl auch der Titel „Gegenwart“ zu verstehen: eine Musik ohne Tradition, „alles ist so, wie es ist“. Und er erläutert: „Wir machen nichts vorher aus und spielen manchmal allein, manchmal zusammen. Es gibt keine Kriterien, daher auch keine Fehler.“ Also auch nur Spannung oder Langeweile. Man wird beides empfinden. Was Gulda (am Klavier, am elektronischen Klavichord und auf Alt- und Baßblockflöte) und Ursula Anders (am Schlagzeug) an esoterischen und aggressiven Klängen, musikalischen Strukturen, Rhythmen, an Linien und Bewegungen hervorbringen, ist – intensives Zuhören vorausgesetzt – mitunter wirklich spannend, manchmal aber langweilt es erbärmlich, und das liegt wohl daran, daß dies eher eine, sagen wir: Mach- als eine Zuhörmusik ist. (E. R. P. Schallplatten, Habsburgerplatz 2, 8000 München 40) Manfred Sack

Enttäuschend

Wings: „At The Speed of Sound“. McCartneys siebtes Album als Ex-Beatle ist die Platte eines hervorragenden Produzenten, dem kaum noch gute Melodien einfallen; eines Komponisten, der melodische Bruchstücke mit Hilfe aufwendiger Produktion als komplette Songs inszeniert; eines exzellenten Baßgitarristen, dessen Baßgitarre leider viel zu selten zu hören ist; und eines zu Recht bewunderten Popsängers, der auch noch den besten Song der ganzen Platte – „The Note You Never Wrote“ – von einem anderen Gruppenmitglied singen läßt, nämlich vom Rhythmusgitarristen Denny Laine. Paul McCartney hat sich seines Faibles für Schnulzen nie geschämt. Aber daß er jemals etwas schreiben würde wie „Warm and Beautiful“, war doch nicht zu erwarten. Und vielleicht hat Kritiker Stephen Holden sogar recht, wenn er im „Rolling Stone“ anläßlich der Platte bemerkt, daß Schnulzen wie die von McCartney womöglich alle künstlerisch interessante Rockmusik überleben werden. (EMI/Capitol 1 C 062 – 97 581, 22,– Mark) Franz Schüler