Von Rolf Zundel

Mannheim, im Juni

Der Herr aus Hamburg, Druck- und Werbeberater, wie aus dem Ei gepellt, Musterbild eines seriös-nüchternen hanseatischen Geschäftsmannes, tat einen tiefen-Griff ins Gefühl. Er zitierte „einen Satz, den Goethe seinen Götz sagen läßt: ‚Wenn uns die Freiheit überlebt, dann können wir ruhig sterben.‘“

Der Mann aus Heilbronn, ein schwäbischer Schaffer (Brennereibesitzer, eine Wirtschaft verpachtet), rief mit hochrotem Kopf und einer Stimme, die dem Heulen nahe war: „Ich bin bis heute noch selbständig geblieben, und ich verbeuge mich vor allen, die ihre Selbständigkeit bewahrt Haben,“

Ein Oberstudiendirektor im Ruhestand; ein Oberstleutnant der Bundeswehr (Beifall); ein Mann aus national-liberaler Familie, „aus dem Krieg als Fähnrich abgegangen“; ein Bauunternehmer, dessen Vater Abgeordneter der Deutschen Partei war, „berufsständisch tätig, Reserveoffizier, russische Gefangenschaft, schwerkriegsbeschädigt“; ein Student aus Tübingen, für den „die Bundesrepublik im Sinne von Strauß ein Saustall ist“ – das etwa ist der Querschnitt der Redner, die auf dem Wahlkongreß der „Arbeitsgemeinschaft Vierte Partei“ (AVP) in Mannheim aufgetreten sind.

Es ist eine Gruppierung am rechten Rand der Union, der CDU-Führung ein Ärgernis, weil sie den Christlichen Demokraten Stimmen abzuziehen droht – und das auch noch unter Berufung auf, Franz Josef Strauß. Aus mancherlei rechten Ecken erhält die Partei Zuzug. Ehemalige BHE- und DP-Mitglieder sammeln sich hier, ein starkes Kontingent stellen abgesprengte Deutschnationale aus der FDP, auch manche ehemalige CDU-Wähler zählen dazu; ihnen ist die Union immer noch nicht konservativ und national genug. Doch es fehlt völlig der proletarisch-radikale Einschlag der NPD.

Die AVP verkündet einen Poujadismus für gehobene Ansprüche: „Schluß mit der unfairen Begünstigung der Warenhäuser, Verbrauchermärkte und Filialbetriebe! Weg mit der Gewerbesteuer!“, heißt es in ihren Thesen. „Wir verwahren uns gegen die politische Beeinflussung der Öffentlichkeit und der Gemeinden von der Kanzel“, ist dort gleichfalls zu lesen. Wer Vorstandsmitglied werden will, gibt in aller Regel bei der Vorstellung zu Protokoll: „Glücklich verheiratet.“