Klaus Mehnert war immer dabei: An jenem Sonntag des Jahres 1963" auf der Autobahn in Nordkäliformen, als ein Trupp "Hells Angels" — "dunkle Teufelsgestatten auf eisernen, fauchenden, stinkenden Rössern" — seinen Wagen überholte. Im Frühsommer 1968 "traf ich in Korea ein, um mir ein Bild von de Ereignissen zu machen". Im Spätherbst 1968 weilte er auf dem Hongo Campus der TokioUniversität: Plötzlich i3)oß um die Ecke eines Gebäudes eine brüllende Meute auf uns zu, Stocke schwingend und mit wütend verzerrten Gesichtern Am 19. Oktober 1975 "habe ich Dtttschke auf der Anti Franeo Kundgebang in Offenbach gesehen"; "in einem langen Gespräch am 22, Januar 1976 erzählte er mir seine weitere Entwicklung "

So wandelte der Politik Wissenschaftler aus Aachen als Reporter auf den Spüren der "WeltResolution" der Jugend. Er besuchte — teilt der Verlag mit — Dutzende von Staaten in vier Kontinenten, archivierte jahrelang Material ("allein seine Privatbibliothek enthält davon an die 1500 Bände"), recherchierte monatelang in Instituten von New York und Kalifornien, hielt Vorlesungen über das Thema, veröffentlichte bereits zwei Sonderstudien — und jetzt legt Klaus Mehneft seine gesammelten Erlebnisse und Ansichten, zu einem opulenten Band von einem halben Tausend Seiten gebündelt, auch als Buch vor — Klaus Mehnert: "Jugend im Zeitbruch — Woher — wohin?"; Deutsche Verlags Anstalt, Stuttgart, 1976; 512 S, 29 80 DM.

Dies ist ein Buch, dem Beigaben des book business leicht anzusehen sind. Es kommt daher mit einem weltumspannenden Global Touch. Den Umschlag ziert das entfaltete Panorama der Erde, denn die ganze Jugend soll es sein, die Jugend in aller Welt, Sie befindet sich im "Zeitbruch" — was immer das ist, offenbar ein säkulares Ereignis, jedenfalls wird dieser ungewöhnliche Begriff mit einem Hauch des Mystischen nie richtig erklärt. Ein Bilddokument schmückt den Einband hinten und signalisiert Authentizität: Es zeigt Klaus Mehnert, den "Miterlebenden", wie er sich selber nennt, bei einer Diskussion mit Aachener Hochschülein. Seine handschriftliche Widmung gilt zugleich den Studenten von Berkeley und New York; und der Verlag bringt deö Titel gleich in einer Erstauflage von hunderttausend Exemplaren heraus.

Eia Bestseller also von vornherein (Gesamtauflage aller Bücher des Autors: 1 5 Millionen). Doch an diesem Buch gilt es, Kritik anzumelden, Ein liberaler Autor mit wirklichem Verständnisfür die "Revolte" und die Probleme der Jugend hatte niemals so schreiben können. Dies ist ein nicht ungefährliches Buch, das der Jugend nicht nützt, sondern ihr wahrscheinlich schadet. Mehnert ordnet sich mit diesem Werk in die Phalanx jener aufgeklärten oder verbiesterten Kritiker "linker Theorie" wie Schelsky, Somheimer und Brezinka ein, die wesentliche Beiträge zur "Denunzitation der Aufklärung" (Dahrendorf) geschrieben und damit zur Begründung einer Ideologie der Neuen Rechten beigetragen haben. Der Inhalt diesb Buches ist, festgemacht an den vielfältigen persönlichen Impressionen des Verfassers, vor allem eine Beschreibung der Revolte der Jugend, und zwar recht ausführlich in Amerika, weniger umfassend schon in der Bundesrepublik und in Japan, fast nur noch als lexikalischer Abriß mit Notizen aus dem Zettelka " sten in Belgien, Prankreich, Spanien, Moskau, Prag, Peking und in anderen Ländern und Städten. Der zweite, kürzere Teil gesteht aus dem Versuch, die Gründe dieses Aufruhrs zu analysieren; die großen politischen Ereignisse wie die Proletarische Revolution in China, den Castrismus, Kennedys Ermordung, den Generationenkonflikt mit dem jugendlichen Affront gegen Wohlstand, Leistungszwang und Entfremdung, schließlich den Einfluß der Ideen von Marcuse, Horkheimer, Adorno, Brikson, Fromm, Reich. Der dritte, kürzeste Teil bemüht sich um eine Antwort auf die Frage: Was können wir aus dem Aufstand für die Zukunft lernen oder — in Mehnerts Globalanspruch —: "Wohin geht also die Reise der Menschheit?

Mich stört an diesem Buch zunächst die aufdringliche Eitelkeit des Verfassers, der sich bereits im Vorwort kräftig auf die Schulter klopft: "Vermutlich gibt es in der Bundesrepublik keinen zweiten Autor, der auch so vielen deutschen Diplomaten im Ausland zu danken hat" (für Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Informationen). Mehnert ist für sich selber der Größte. Er spielt sich immer wieder, manchmal fast schon schamlos und den Leser peinlidi berührend, in den Vordergrund. Dabei stellt er sich als Freund der Jugend dar, ja, er biedert sich ihr nahezu an: "Dieses Buch möchte detztt beitragen, die Jugend und ihre- Experimente zu verstehen"; es "ist mit dem Herzen geschrieben"; der Autor ist ""gepackt von der Dramatik der Ereignisse und der menschlichen Schicksale, bei der Suche nach dem Sinn der Bewegung".

Mich irritiert der Aufbau des Buches. Mehnert schildert zunächst die Ereignisse, dann erst geht er auf die politischen und geistigen Verhältnisse ein, aus denen die Revolte entstand. Das führt dazu, daß der Leser im ersten Teil vieles nicht verstehen und einordnen kann, weil ihm die Ursachen der Unruhe erst nachträglich geliefert werden. Sicherlich wäre die Lektüre ergiebiger, wenn diese beiden Teile in umgekehrter Reihenfolge stünden. Außerdem hatte das Buch ein ungleich größeres Gewicht, wenn Analyse und Schlußfolgerungen nicht eher wie ein Appendix zum darstellenden Teil ausgefallen wären. Midi interessiert bei dem Autor Mehnert nicht in erster Linie, was er als Reporter bei seinen Weltwanderungen erlebt hat, sondern was er als Wissenschaftler und Politologe daraus ableitet. Nicht die Schilderung, sondern die Deutung des Geschehens wäre seine eigentliche Aufgabe.

Mehnert aber hält sich zu sehr an die äußerlichen Ereignisse. Gerade deshalb weist er sich mit diesem Buch nicht als der erste Historiograph des weltveiteö Jugendprötestes aus, sondern eher - wie auf dem Umsehlagbild mit dem Notizbuch in der Hand — als sein erster Buchhalter. Die Fakten sind ihm stets präsent. Daten und Zählen sind in Hülle und Fülle in den Text eu Darstellung des ideeflgesehiehtlichen Hinteig aber kommt viel zu kurz und ist ausge.