Worauf richten wir zunächst unser Auge beim Anblick eines Gemäldes, eines Fahrplans, einer Szene etwa des Straßenverkehrs? Wie wandert der Blick über das ihm dargebotene Bild, wo bleibt er haften, was überspringt er? Wer die Antworten auf alle diese Fragen wüßte, könnte unsere Aufmerksamkeit wirkungsvoll auf das lenken, was er uns zeigen möchte – mit böser wie mit guter Absicht. Er würde die Strategie kennen, mit der unser Sehapparat durch das Dickicht der optischen Informationen findet, und könnte ihr entsprechend Reklame mit optimaler Werbewirksamkeit gestalten, aber auch Warnschilder und wichtige Hinweise unübersehbar plazieren oder zum Beispiel in einem Kontrollraum die Anzeigeninstrumente so anordnen, daß sie mühelos in der richtigen Reihenfolge abgelesen werden. Stillschweigend vorausgesetzt freilich ist hier, daß alle Menschen nahezu gleich mit ihren Augen auf visuelle Reize reagieren. Tun sie. das?

In Karlsruhe, im „Institut für Informationsverarbeitung in Technik und Biologie“, einer der sechs Forschungsstätten der Fraunhofer-Gesellschaft, ist eine von Hans-Joachim Reinig und Axel Korn geleitete Arbeitsgruppe damit beschäftigt, die instrumentellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß solche Fragen beantwortet werden können.

Die Fraunhofer-Wissenschaftler haben ein Gerät entwickelt, das die Augenbewegungen einer Versuchsperson, der ein Bild präsentiert wird, kontinuierlich aufzeichnet. Während sich der Proband die ihm dargebotene Szene, Graphik oder Tabelle anschaut, wirft seine Cornea, die Hornhaut eines seiner Augen, wie ein Spiegel einen auf sie gerichteten Lichtstrahl zurück in eine handelsübliche Fernsehkamera. Ihre Aufnahmeplatte registriert diesen reflektierten Lichtpunkt, dessen Koordinaten dann automatisch einem Computer zur Auswertung mitgeteilt werden. Ein Schreibgerät zeichnet die den Augenbewegungen entsprechenden Wanderungen des gespiegelten Lichtpunkts nach und fertigt so ein Abbild der unbewußten Such- und Betrachtungsstrategie des menschlichen Sehens an.

Viel theoretische Optik und handwerkliches Geschick, elektronischer Einfallsreichtum und physiologisches Wissen gehörten dazu, diese Aufgabe zu lösen. Was die Apparatur jetzt an Erkenntnissen liefern wird, bleibt abzuwarten. Fraglos werden sie praktisch verwendbar sein – wie gesagt, im Guten oder Bösen.

Praxisnahe Forschung, also solche, deren Ergebnisse mit großer Wahrscheinlichkeit in der Technik, der Medizin oder im Verteidigungsfall anwendbar sein werden, ist das Geschäft der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V., die unlängst, am 150. Todestag des genialen deutschen Physikers Joseph von Fraunhofer, von sich reden machte. Fraunhofer hat freilich der 1949 gegründeten Organisation, die Grundlagenforschung in den Dienst der Gesellschaft stellen möchte, der Rationalisierung in der Wirtschaft, des technischen Strukturwandels, der menschengerechten Lebens- und Arbeitsbedingungen und der Verteidigung, nur seinen wohlklingenden Namen gegeben.

Die Gesellschaft forscht im Auftrag des Staates und der Privatindustrie. Der Staat gewährt ihr dafür eine erfolgsabhängige Zuwendung (in diesem Jahr: 68,8 Millionen Mark), der andere Teil (1976: 44,9 Millionen Mark) des Budgets sind eigene Erträge, Liquidationen gewissermaßen für geleistete Forschung. Den Hauptanteil der Zuwendungen trägt mit 44,9 Millionen das Bundesministerium für Forschung und Technologie, der Anteil des Verteidigungsministeriums an dieser Finanzierung macht im Gesamtbudget etwas über 19 Prozent aus.

An den Ausgaben haben natürlich die Personalkosten mit fast 57 Prozent den Löwenanteil. 1800 Mitarbeiter gehören zu diesem Personal, darunter sind 600 Wissenschaftler, ein für diese Branche normales Verhältnis.