Von Jürgen Werner

Für die Übertragung der Spiele um die Fußball-Europameisterschaft der Nationalmannschaften in Zagreb und Belgrad zahlte die Eurovision an die Europäische Fußball-Union (UEFA) eine Million Mark. Das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Jugoslawien (4:2) wurde in 30 europäische Länder übertragen, das Endspiel zwischen der ČSSR und der Bundesrepublik (7:5 nach Elfmeterschießen in der Verlängerung) in 34 auch überseeische wie zum Beispiel Brasilien und Marokko und erreichte damit nach Hochrechnungen etwa eine Milliarde Menschen.

Alle vier Spiele der Endrunde mußten verlängert werden, um den jeweiligen Sieger zu ermitteln.In allen wurde demonstriert, warum Fußballspiele von diesem Leistungsniveau eine solche Faszination auch für Laien ausüben wie kaum eine andere Sportart: einfach in den Regeln, überschaubar im Ablauf und spannend in jeder Szene, das heißt, der Zuschauer glaubt bei jeder Aktion nachvollziehen zu können, was passiert.

Die drei Tore, die der Kölner Spieler Dieter Müller gegen Jugoslawien erzielte, lösten nicht nur deswegen Euphorie bei einer Fußballnation aus, weil sie die Teilnahme am Finale garantierten, sondern auch, weil jeder bestätigen konnte: Der Kopfball nach dem Eckstoß von Bonhof mußte ja reingehen, der Torschuß nach dem Rückpaß von Hölzenbein konnte nicht mehr vorbei am Tor oder drüber weg, und den vom Pfosten zurückspringenden Ball brauchte er nur noch mit dem Fuß ins Tor zu schieben: Dieter Müller spielte eben, wie du und ich es uns vorstellen, wenn wir dabei wären. So waren seine Tore also Erfolg einer raffinierten Taktik, die auch jedermann verständlich war: zehn Minuten vor Schluß kommt ein frischer, ausgeruhter Athlet ins Spiel, wird angespielt und – Tor.

Die fachliche Erklärung ist komplizierter: Der jugoslawische Torwächter, auf den sich seine Deckungsspieler verließen, blieb im Tor, statt im Fünfmeterraum einzugreifen, wie es das Fußballgesetz befiehlt. Der Beweis: Zwei deutsche Spieler blieben dort ohne Kontrahenten, weil jeder Deckungsspieler glaubte, dieser Bereich gehöre dem Torwart. Diese Kurzanalyse schmälert den Fußballruhm Müllers in keiner Weise. Auch er mußte den Ball erst einmal so plaziert nach unten köpfen, daß der Torwart auf der Linie ohne Chance blieb.

Die beiden anderen Tore erzielte der erst 22jährige Kölner wie ein routinierter Fußballer: konzentriert mit einer perfekten Fußhaltung, die dem Ball jeweils die notwendige Schärfe und Richtung gab, keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Auch im Endspiel die gleiche Analyse: Maller ließ sich, als der Ball zu ihm flog, im richtigen Moment fallen, drehte dabei rechtzeitig die rechte Hüfte, streckte den Fuß nach unten und traf den Ball genau – Tor.

Doch bestand die Dramatik dieses Fußballfestivals in Zagreb und Belgrad vor allem in den Abläufen der einzelnen Spielszenen: Gegen die – Jugoslawen – sie wurden Letzter – wirkten die deutschen Spieler 45 Minuten lang wie biedere Handwerker gegen Künstler. Der Ball lief über mehr als zehn jugoslawische Spieler, ohne daß ein deutscher die Chance gehabt hätte, ihn zu berühren. Linksaußen Dzajic führte beispielhaft den Ball am Fuß, um seinen Gegenspieler Vogts herum, einmal ins Tor, so daß dieser fast resignierte. Das gleiche galt für Popivoda und Oblak, die beiden Jugoslawen mit Bundesligaerfahrung gegen Dietz und Bonhof.