Hervorragend

„Hexenkessel“ von Martin Scorsese, der kürzlich in Cannes mit seinem neuen Film „Taxi Driver“ die Goldene Palme gewann. „Mean Streets“, bereits 1973 entstanden und erst jetzt vom Filmverlag der Autoren unter dem nicht einmal ungebührlich reißerischen Titel „Hexenkessel“ in unsere Kinos gebracht, begründete praktisch über Nacht die cineastische Reputation des bis dahin völlig unbekannten Regisseurs. Inzwischen zählt Scorsese, Jahrgang 1942, neben Robert Altman, Francis Ford Coppola und Hai Ashby zu den wichtigsten Exponenten des neuen Hollywood. In „Mean Streets“ erzählt Scorsese mit autobiographischer Betroffenheit und einem explosiven Elan, der in seiner kalkulierten Maßlosigkeit gelegentlich an Orson Welles erinnert, von der schäbigen Existenz einer kleinen Gruppe junger Möchtegern-Gangster in New Yorks „Little Italy“, von der gewalttätigen Tristesse eines hermetisch geschlossenen Milieus zwischen selbstquälerischem Katholizismus und sanft institutionalisierter Mafiaherrschaft. Charlie (Harvey Keitel), der das Zeug zu einem mittleren „Paten“ hätte, geht zugrunde, weil er es nicht schafft, sich den Gesetzen der „bösen Straßen“ restlos zu unterwerfen, weil er sich einen verrückten Freund (Robert de Niro) und eine epileptische Geliebte (Amy Robinson) leistet „Mean Streets“, über weite Strecken mit einer ungemein agilen Handkamera aufgenommen, begleitet von harten Rockrhythmen und italienischen Volksweisen, besitzt die emotionale Qualität eines fiebrigen Alptraums, der Dantes Inferno letztlich ebenso verpflichtet ist wie der dokumentarischen Unmittelbarkeit des Milieus, aus dem Scorsese selber stammt.

Beachtlich

„Caprona – das vergessene Land“ von Kevin Connor. Während des Ersten Weltkriegs verschlägt es eine deutsche U-Boot-Besatzung und eine Gruppe amerikanischer Schiffbrüchiger in eine Gegend am Ende der Welt, wo Riesenechsen, Dinosaurier und stark behaarte Steinzeitmenschen hausen. Nach dem Roman „The Land that Time Forgot“ des „Tarzan“-Erfinders Edgar Rice Burroughs ist diese englische Produktion ein unvermutet schönes Beispiel jenes „cinéma fantastique“, das es leider kaum noch gibt. Die Tricktechnik zeichnet sich durch liebevolle Sorgfalt aus, und das ganze Unternehmen besitzt den Charme von alten Kinderbuchillustrationen.

Ärgerlich

„Vagabund in tausend Nöten“ von Cliff Owen ist ein geradezu aufreizend schwachsinniges Musical-Remake von Tony Richardsons „Tom Jones“. Ging schön Richardson in seinem weithin überschätzten Film arrogant-verächtlich mit der literarischen Vorlage von Fielding und den Konventionen des Kostümfilms um, so übertrifft ihn Cliff Owen noch mühelos mit einem penetranten Ungeschmack, der selbst so versierte Veteranen wie Trevor Howard und Terry-Thomas zu polternder Hilflosigkeit degradiert. Die Musiknummern würden sich nicht einmal unsere schlimmsten Schlagerkünstler leisten können. Allein Joan Collins bringt als sinnenfrohe Straßenräuberin Black Bess ein wenig Leben in die traurige Angelegenheit.

Empfehlenswerte Filme

„Von Angesicht zu Angesicht“ von Ingmar Bergman (siehe Seite 37). „Der starke Ferdinand“ von Alexander Kluge. „Ein Haar in der Suppe“ von Paul Mazursky. „Die Macht und ihr Preis“ von Francesco Rosi. Hans C. Blumenberg