Er trinkt selten Bier, von Hochprozentigem wird ihm übel, mit einer Ausnahme: Williams Christ Birne, 40 Prozent, nach uralten Rezepten hergestellt. Den Birnenschnaps gießt er mit etwas Wasser verdünnt in den heißen Saunaofen. Solchermaßen bereitet sich Rolf Milser, 24 Jahre alt, auf dem Papier Angestellter des Sportamtes Duisburg, in der Praxis Nur-Sportler, auf die Olympischen Spiele vor. Der Schwerathlet experimentiert mit Aufenthaltsverlängerungen in der Hitzekammer. Das ist wichtig für einen Mann, dessen Körper wie ein Fahrstuhl zwischen den Gewichtsklassen verkehrt, der sich heute buchstäblich dick frißt und morgen wie ein Mannequin auf die Linie achten und zehn bis 20 Pfund abtrainieren muß. Sein Küchenmeister heißt Taktik.

Je nach Ereignis und Gegnerschaft startet er im Leichtschwergewicht (bis 82,5 Kilo) oder im Schwergewicht (über 90 Kilo). Muß er das untere Limit schaffen – in dieser Kategorie stellte er unlängst in Ostberlin mit 207,5 Kilo im Stoßen einen neuen Weltrekord auf –, spielt ihm sein leerer Magen Streiche. Hunger und Durst sind seine ständigen Begleiter. In seinen Träumen läuft das Wasser von der Wand. Er verscheucht sie mit Schlafmitteln.

Das Thema Geld möchte er ausklammern, nicht wegen der Amateurbestimmungen, eher wegen der Neider. Damit kein 100 000 Dollar-Mißverständnis entsteht: mehr als ein paar braune Riesen lassen sich hierzulande mit Muskeltaten nicht verdienen.

Dabei hat Rolf Milser nichts von einem Herkules. Abgesehen von seinen massigen Oberschenkeln, aus denen die Muskelpartien im Wettkampf wie Brotlaiber hervortreten, könnte sein gut proportionierter Körper auch zu einem Ruderrecken gehören. Seine Bewegungen sind geschmeidig, obwohl auch auf seiner Speisekarte das Wort Anabolica steht. Um welchen Preis, darüber streiten die Mediziner. Einig sind sie. sich nur darin, daß Anabolica-Einnahme den Tatbestand des Dopings erfüllt und sie keinem Sportler erlaubt ist, der an den Olympischen Spielen in Montreal teilnehmen will. Milser macht sich keine Gewissensbisse wegen Wettbewerbsverzerrung; würde er nämlich auf die Chemie verzichten, könnte er wegen Chancenlosigkeit gleich zu Hause bleiben.

Er weiß: wenn man schon zu den Besten zählt und Bester werden will, eine Goldmedaille anstrebt, hilft nur eins: noch mehr Leistung. Aber Anabolica ersetzt nicht/das Training. Vier oder fünf osteuropäische Konkurrenten können ihm eine Medaille streitig machen. Sie differieren in der Leistung um ein, zwei oder drei Kilo. Um diese paar Pfund ist in den Trainingszentren West- und Osteuropas ein beispielloses Wettrüsten entbrannt. Seit dem 1. Januar funktioniert die Kraftmaschine Milser nach einem exakt festgelegten, aus diversen Quellen finanzierten Trainings- und Essensfahrplan: 7 Stunden täglich Training, 6mal in der Woche, vormittags und nachmittags je drei. Stunden Hantelarbeit, abends eine Stunde an der Kraftmaschine, Tagesleistung 40 bis 70 Tonnen, nicht gerechnet die Zeit für Sauna, Massagen, Schwimmen, Gymnastik, Billspiele, Waldlauf.

Ein halbes Jahr lang bestehen seine Tage aus zehn Stunden Sport. Die Ostblock-Athleten werden vermutlich neidisch, wenn sie davon hören. Er sagt: „Das Training ist Quälerei. Die Quälerei fängt sofort an. Wenn es nur Hobby wäre, würde ich zweimal die Woche zwei Stunden trainieren. Der Rest ist Quälerei. Quälerei kann aber auch schön sein. Wenn man merkt, was man alles aus seinem Körper herausholen kann. Und dann die Bewunderung der Leute: na gibt’s denn so was?“ Dafür nimmt er die Tortur der Folterkammer auf sich. Die Frage nach dem warum erübrigt sich nach einem Blick auf seine Biografie. Ein Job als Maschinenschlosser wäre die Alternative. Der Gedanke daran beflügelt sein Trainingspensum. Er hat die Volksschule besucht, eine Schlosserlehre absolviert, die Mutter schon 1971 zu Grabe getragen. Beim Vater fand er kein Verständnis für seinen Sport, seither lebt er bei seinem Trainer. Eine kleine-Leute-Story, wie man sie in den Porträts von Weltmeistern immer wieder findet. Die kargen Daten markieren die gewaltige Spanne des sozialen Aufstiegs.

Seit 1971 stellt Rolf Milser Rekorde auf. Die Zahlen nehmen wie sein Körpergewicht ständig zu. Mit den Erfolgen wächst die Selbstsicherheit. Sein Gegner ist die Hantel, die ist überall gleich: „Das ist ein Stück Eisen, das ich hochbewege, egal, ob in Montreal oder Moskau. Ich weiß genau, wenn ich das zu Hause schaffe, schaff’ ich’s auch anderswo.“ Er kann sich unheimlich schinden, sagt sein Trainer. Man spürt es, wenn man ihm die Hand drückt: eine Landschaft aus Schwielen und Hornhaut. Sein Muskeltraining ist gleichzeitig Willensschulung. Gegen alles, was seine Leistung reduzieren könnte, entwickelt er eine Abneigung.