Ein Besuch bei Hildegard Knef in der "Mühle" kurz nach ihrer Scheidung

Von Ben Witter

Zuerst stand ich vor einem ziemlich neuen Bretterzaun, lang hingezogen, über den man nicht hinwegsehen konnte. Das waren nicht die üblichen billigen Bretter für solche Zäune. Dann ging ich ein Stück bergab und klingelte an einer Tür, die da schon über hundert Jahre auf- und zugemacht wird. In dem Haus ist eine Mühle gewesen, und sechzehn Zimmer wurden nach dem Umbau daraus. Die Außenmauern und Innenwände haben fässerweise weiße Farbe gekriegt.

Ein Fräulein Kamke in weiß-blau gestreiftem Pullover öffnete, und im Hintergrund grüßte der Koch in Weiß, ohne Mütze, Wir gingen eine Treppe hinauf und standen in einem Raum, wo es zwischen Balken wieder weiß war, Stufen führten in die Verlängerung des Raumes, ein Flügel ganz hinten schien von Gerümpel eingepfercht zu sein. Das war aber kein Gerümpel. Was nicht zum Sitzen gekauft wurde, ist antik. Und das waren eher Wohnhallen statt Wohnräume. Über dem Kamin in dem wohnlichsten Raum hing ein Ölbild; bis zu den Schultern zurückgekämmte, glatte Frauenhaare, eine schwache Andeutung’von Profil, das war eine Art Rückenporträt mit gekleckster Landschaft davor. Fräulein Kamke sagte: "Ich habe früher auch geschrieben und studiere jetzt Medizin in Berlin und bin Hildegards Freundin, und über ihre Bilder wird sie selbst mit Ihnen sprechen."

Fünf Minuten später kam sie und ging zu schnell. Sie sagte: "Wir haben alle noch nicht gefrühstückt, der Strom war ausgefallen, das gibt’s hier auch." Dann lachte sie. Ihr Lachen mußte in der Kehle kratzen, und sie sank in die Kissen der Sitzecke. Das schwarze, lange und ganz leichte Kleid, weiß abgesetzt, mit der schwarz-weißen Strickjacke, halblang, war bis zu den Knien durchsichtig. Es war gegen Mittag, und die Sonne schien.

Hildegard Knef zog eine Zigarette aus einem Becher. Zierlich wirkte sie so, tief in den Kissen, und der Zigarettenrauch bildete einen gedrechselten Faden über den schmal gewordenen Händen, und da sagte ich, um diese Stimmung noch auszumalen, mit einem Blick auf mein Zigarettenetui, daß ich nie in einer Packung herumwühlte, der Genuß des Rauchens begänne für mich bereits beim Anblick des Etuis, und ich würde eine Zigarette höchstens bis zur Hälfte rauchen und sie dann nicht ausdrücken, sondern lässig wegwerfen, und das Hantieren mit dem Stummeltöter sei auch ein Genuß. Sie genoß diese Stimmung noch und sah dem Rauchfaden nach, und dann sprach sie von Gewöhnung und von Drogen, und ich sprach von den Versuchen, nicht von Sucht zu sprechen, und sie fuhr sich durch die Haare und setzte eine Sonnenbrille auf und lachte wieder so wie zuerst.

Ich sagte, daß ich über Frauen schreiben möchte, über fünfunddreißigjährige und geschiedene und jüngere, in Büros und Läden und sonstwo, und was die alles täten, um sich nicht einsam zu fühlen, und welche Angst sie vor der Einsamkeit hätten, und die Angst allein vor diesem Wort; es würde nie ausgesprochen. Hildegard Knef drückte ihren Rücken von den Kissen ab, halb saß sie da und sprach von den Müttern, die seit Jahrtausenden Männer erzögen, und die dann auf ihrem Thron säßen und von dem Kreislauf, der dadurch entstanden sei, und daran würde sich gar nichts ändern, und es nütze ja nichts, an ihrem Thron zu sägen. Das konnte man auch auf der Treppe hören, und sie hatte es zu den Stufen hin gesagt, als hätte in dem Raum da oben einmal so ein Thron gestanden. Sie hatte berlinerisch gesprochen. Ich sagte: "Der Jargon verschafft Ihnen Schwung, und Sie haben da Ihre besondere, Mischung, die den Leuten so ans Gemüt geht."