Kassel

Halt. Stehenbleiben. Hände hoch oder wir schießen.“ 15. Juni, 9.00 Uhr: Zwei Beamte des Bundesgrenzschutzes blicken erschrocken in die Rohrmündungen zweier Maschinen-Pistolen. Wenig später sind Oberwachtmeister Rolf-Dieter Frese und Grenztruppjäger Gunter Bohle Gefangene der DDR-Grenztruppe. Sie hatten die Bundesrepublik verlassen und waren etwa 100 Meter ins Gebiet der DDR marschiert.

Der unfreiwillige Aufenthalt der beiden Beamten jenseits der Grenze, die Geschehnisse der 73 Stunden im sozialistischen Deutschland haben auf der politisch-diplomatischen Ebene zu gegenseitigen Vorwürfen und Unterstellungen geführt. Am Tag nach dem ungeplanten kleinen Grenzverkehr sprach die Bundesregierung von „Verschleppung“ der Grenzbeamten. Die DDR disqualifizierte den Irrgang der Grenzschützer als „provokatorisches Eindringen bewaffneter Kräfte“.

Was sich zwischen dem Start zum Streifengang am Morgen des Dienstag und der Rückkehr per Bus am Grenzkontrollpunkt Duderstadt, drei Tage später, 10.00 Uhr, zugetragen hat, berichteten die Allgemeine Deutsche Nachrichten-Agenfür ADN und das DDR-Fernsehen ausführlich. Anders hörte sich an, was Rolf-Dieter Frese und Gunter Bohle am 18. Juni in Kassel der Öffentlichkeit sagten. Nach einer Klausur mit ihrem Brigade-General Alexander Rudioff und Bonns Staatssekretär im Innenministerium Fröhlich skizzierte vor allem der 23jährige Truppführer Frese die Stationen einer Reise in das ihnen anscheinend unbekannte Nachbarland. Nicht nur die DDR-Praxis bei bundesdeutschen Grenzverstößen wird damit erhellt. Besonders die knappen, verschreckten Einlassungen des 20jährigen Gunter Bohle berichten eindringlich vom gefühlsmäßigen Erlebnis der Grenzer, von ihren Empfindungen und Erwartungen gegenüber den Nachbardeutschen. Aufmerksamkeits-Schwerpunkte und Wortwahl zeigen deutlich die Ahnungslosigkeit der Grenzmänner, ihre Vorurteile, ihre simple Sicht der Dinge. Natürlich beschrieben sie angesichts der Kameras, Schreibblöcke und Mikrophone in Kassel vieles als naive Antwort auf die suggestiven, leimigen Fragen einiger Journalisten. ihr Verhalten im Gewahrsam der DDR aber orientierte sich an einem gelernten, verinnerlichten Leitfaden.

Sie waren in Feindesland geraten. Nach der Rückkehr zeigten die Beamten sich so erschüttert, so mitgenommen und drangsaliert, daß ein General und ein Staatssekretär ihre Gefühle dolmetschen mußten.

General Rudioff: „Frese war an jenem Morgen bedrückt. Er hatte häusliche Sorgen, war in Gedanken vom Wege abgewichen ... Schön, das ist ein menschliches Versagen.“

Staatssekretär Fröhlich: „Das war sicher nicht vorsätzlich, ein fahrlässiges Verlassen einer dienstlich vorgeschriebenen Streifentätigkeit.“