Applaus und Blumen für das Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters

Von René Drommert

Der Auftakt der Gastspielreise, die von Leningrad über Riga und Wilnjus nach Moskau führte und auf der noch ein Nachtrag in Warschau bewältigt wurde, war keineswegs triumphal. Daß etwa schon beim Eintreffen an der Newa „ganz Leningrad“ von den Hamburgern Notiz genommen hätte, davon kann keine Rede sein. Am Morgen nach der Ankunft (auf dem Flughafen Pulkowo) fragte ich im „Astoria“, dem berühmten und traditionsreichen Hotel gegenüber der Isaak-Kathedrale, wie ich wohl zum Kulturpalast kommen könne, dort gastiere vom 20. Mai an ein bundesrepublikanisches Theater mit „Maria Stuart“, ich wolle gerade zu einer technischen Probe. Verlegenheit. Es gebe, hieß es, eine ganze Reihe Kulturpaläste Aber einer mit 2200 Plätzen und Schiller? Auf den gedruckten Aushängebögen war „Thalia“, eine desillusionierende Unterlassungssünde, überhaupt noch nicht vermerkt, und niemand wußte Bescheid.

Auf der Straße fragte ich, meine Erfahrung nicht preisgebend, einen jungen Polizisten schnurstracks nach „dem“ Kulturpalast, dort gastiere ein Hamburger Theater. Wieder Verlegenheit. Als ich schon weitergehen wollte, sagte er: „Warten Sie doch!“ Er verließ seinen Posten, ging mit mir über die Straße ins Hotel, wir betraten einen kleinen Raum, er bot mir Platz und Zigarette an, und er versuchte achtmal, mit irgendwelchen Stellen Verbindung zu bekommen, um mir, den er wohl richtig als Bundesrepublikaner erkannt hatte, aus der Verlegenheit zu helfen. Es ist der hilfsbereiteste Polizist, den ich je in irgendeinem Land (in vier Kontinenten) kennengelernt habe.

Es war überdies ein höchst eigentümlicher Fall. In demselben Hotel, in dem ich acht Tage wohnte, hat sich (in einem anderen, seinerzeit selbständidigen Flügel) im Jahre 1925 jemand erhängt: der berühmte russische Lyriker Sergej Jessenin. Ich will hier keine Anklage „nachbeten“, gegen niemanden. Aber die Situation war bizarr. Eine Gesellschaft, diese nach der Oktoberrevolution, die (wie soll ich mich möglichst neutral ausdrücken?) dem Dichter und flammenden Verfechter einer neuen Zeit nicht so viel Schutz und Hilfe bot, daß er seine Selbstmordabsichten aufgab – sie stellt Jahrzehnte später in der Gestalt eines Polizisten einen Repräsentanten, der mir, dem zufällig hereingeschneiten Gast aus einer ganz anderen, der westlichen Welt, zuvorkommend seine Hilfe anbietet. Durfte ich, wenn ich den grotesken Widerspruch recht bedenke, die Hilfe überhaupt annehmen? Natürlich nichts

Weshalb kein Kruzifix?

Daß der Erfolg des Thalia-Theaters, der ja nicht ausblieb und sich in Moskau bis zu einem Triumph steigerte, erst zögerte, war teils durch Technik, teils durch Stil (der Inszenierung) bedingt. Die technischen Gründe: Es waren, wenigstens in Leningrad und Wilnjus (früher Wilna), unwirtliche, dem Kammerspielcharakter sich widerspenstig zeigende Räume. Das akademische Opern- und Ballett-Theater in Wilnjus hat zwar „nur“ 1082 Sitzplätze (halb soviel wie der Leningrader Palast), aber schon der große Orchestergraben ist, wenn man Boy Goberts Inszenierung in Betracht zieht, kommunikationsfeindlich; er fördert nicht den lebensnotwendigen Kontakt, zwischen der Aktion der Szene auf der Bühne und den Publikumsreihen, er verhindert ihn eher. In der Oper in Wilnjus ist ja noch nie Sprechtheater gespielt worden (in Wilnjus hat, nota bene, bisher auch noch nie eine bundesrepublikanische Bühne gastiert...). Das Thalia-Theater zeigte Geschick und Anpassungsfähigkeit, als es auf einer Probe, endend nur wenige Minuten vor der Premiere, seinen „Vortrag“ noch schnell ein wenig modifizierte: die Schauspieler etwas langsamer, breiter, lauter sprechen ließ, weniger mit dem Rücken zum Publikum. Aber viel läßt sich natürlich im letzten Augenblick nicht ummodeln. Die stilistischen Gründe für die gelegentliche Verzögerung des Erfolges: Es ist eine Inszenierung, die, auf Bewegungspathos und grelle Augeneffekte nicht erpicht, sich vor allem am Sprechen emporrankt. Boy Goberts eigener schauspielerischer Beitrag (Burleigh) belegt das ohne weiteres. Aber dieser Stil erschwert zunächst den Brückenschlag zu einem Publikum, welches das Deutsche nur zum Teil beherrscht, vielfach, auch in Lettland und Litauen, auf -Kopfhörer und die simultane russische Übersetzung (von N. N. Wiljmont) angewiesen ist. In Leningrad versagte die Übertragung bei der Premiere aktweise...