Von Marion Gräfin Dönhoff

Man muß hoffen, daß die südafrikanische Regierung jetzt nach den Ereignissen von Soweto die blutige Schrift an der Wand richtig deutet. Die Gefahr ist allerdings groß, daß nun die Parole ausgegeben wird: "Den Helm fester binden" und "den Gürtel enger schnallen". Kompromisse schließen und elastisches Reagieren sind schließlich nicht die hervorstechenden Eigenschaften der Südafrikaner.

Was sich in der letzten Woche in Soweto ereignete, war kein Blitz aus heiterem Himmel. Der Streit um die Unterrichtssprache Afrikaans schwelt seit Monaten. Bereits Ende 1974 wurde angeordnet, daß vom fünften Schuljahr an – während der ersten vier Jahre bedient man sich der Stammessprache – die Hälfte der Fächer in Englisch, die andere in Afrikaans gelehrt werden solle. Die Führer der Homelands, der Lehrerverband, Eltern- und Schulräte brachten sehr bald Bedenken vor und forderten, ausschließlich beim Englisch zu bleiben.

Ihre Sorge war, die Kinder würden unter solchen Umständen noch weniger lernen als bisher, weil erstens die meisten Lehrer Afrikaans gar nicht ausreichend beherrschen und weil zweitens die Kinder schön jetzt überfordert sind, da sie mit elf Jahren von dem ihnen geläufigen Idiom auf Englisch überwechseln müssen. Alle Afrikaner haben den berechtigten Verdacht, sie sollten auf diese Weise von der Lingua franca Afrikas ferngehalten und am Lesen der englischen Presse gehindert werden. Die Schüler selbst, vor allem die Halbwüchsigen, hassen Afrikaans, das sie nur als die Sprache der Polizei kennen.

Wie bei fast allen Schwarz-Weiß-Beziehungen liegt auch hier wieder eine Diskriminierung vor: Weiße Kinder dürfen zwischen Englisch und Afrikaans wählen, brauchen also nur eine Unterrichtssprache neu zu lernen, während für die schwarzen Kinder in den weißen Gebieten (in den Homelands dürfen sie bei Englisch bleiben) gleich zwei Sprachen auf einmal neu sind. Ferner: In der Realschule bekommen weiße Kinder die Schulbücher umsonst, während die viel ärmeren Eltern der schwarzen Kinder sie kaufen müssen.

Obgleich die Regierung in dieser immer schwieriger werdenden Zeit alles daran setzen muß, um keinen Anlaß zur Unruhe zu geben und alles Aufreizende zu vermeiden, begann das Jahr 1976 damit, daß der gerade im Sprachenstreit sehr einsichtige stellvertretende Minister für Bantu-Erziehung Janson durch Andreas Treurnicht abgelöst wurde, ein Mann, den die Afrikaner als Scharfmacher und Reaktionär fürchten. Schon im Februar wurden zwei Mitglieder eines School Boards in Soweto abgesetzt, woraufhin der ganze Board zurücktrat. In den folgenden Monaten wurden fünf Direktoren ausgewechselt. Mitte Mai begann dann eine Boykottbewegung: Im Juni befanden sich in Soweto sieben Schulen mit mehreren Tausend Kindern im Streik. Fünf Schulen stellten noch einmal in aller Form den Antrag, es bei Englisch als der einzigen Unterrichtssprache zu belassen – die Regierung ignorierte diese Petition.

Der hierauf am 16. Juni folgende Protestmarsch von etwa 5000 Schülern führte schließlich zur Explosion. Mehrere Schulen wurden niedergebrannt, und alle Verwaltungsgebäude der übervölkerten Millionenstadt, in der Armut, Arbeitslosigkeit und Verbrechen konzentriert sind, beschädigt. Rasch griff dann die Empörung auf Alexandra und andere schwarze Städte über.