Von François Bondy

In europäischen Zeitschriften – die englischen ausgenommen – kommt Indien kaum vor. Weder hat die „größte parlamentarische Demokratie der Welt“ interessiert, wie die Demographen Indien nennen durften, noch der Übergang zu Indira Gandhis „gelenkter Demokratie“, die den Regimes anderer „Entwicklungsländer“ ähnlicher ist, als manchen Indern – und sei es aus Stolz auf die eigene Unvergleichlichkeit – lieb sein kann. Jede Peripetie im großen chinesischen Schattentheater wird verfolgt, gedeutet, vielleicht gelegentlich verstanden; das Interesse jedenfalls ist vorhanden, China. erscheint als eine Gemeinschaftsform, ein Projekt, ein „Unterwegs“. Indien dagegen? Sterbende Traditionen, unlösbare Probleme, nichts, was gegenwärtige oder zukünftige Konturen erkennbar machte.

Dabei fehlt es nicht an hervorragenden Deutern, die uns dieses Indien kritisch und engagiert dennoch näherbringen könnten. Der Bengale Nirad Chaudhuri aus Kalkutta gehört dazu (von ihm soll hier nicht die Rede sein) und der Westinder V. S. Maipaul, der sich Trinidad und Indien neu entdeckt hat, mit vierundvierzig Jahren vor allem als Romancier einer der bemerkenswertesten Schriftsteller unserer Zeit ist und von dem erstaunlich wenig übersetzt wurde.

Zwischen April und Juni hat Naipaul in drei Ausgaben der „New York Review of Books“ neue Eindrücke aus Indien mitgeteilt, vor allem von den „Wunden Indiens“ (so der Titel zweier dieser drei Berichte). Naipaul verbindet ein unmittelbares mit einem literarischen Interesse an Indien und mißt Erfahrungen an den Romanen von R. K. Narayan, namentlich an jenem, der deutsch als „Der Menschenfresser von Malgudi“ erschienen ist. Er findet in den Romanen und noch stärker in seinen eigenen Erfahrungen eine Degeneration des Gandhisehen „Ungehorsams“ und der Gewaltlosigkeitslehre zu einem dumpfen Traum der Selbstfindung, fern von jeder politischen und sozialen Verantwortung. Bei Vertretern der Mittelklasse mit westlichem Horizont bemerkt er eine Suche nach „Identität“, die leicht in Quietismus umschlägt. Es gebe gewiß ein „indisches Gleichgewicht“, aber auch die Hippies Westeuropas und der USA sollten sich nicht einbilden, es zu verstehen, denn ihre Ruhe schlage zu schnell in Panik um und ihre Meditation in „hohlen Narzißmus“.

Ist Gandhi nur noch ein Name, oder geht von seinem Vorbild, seiner Botschaft noch irgend etwas aus, das verbindlich bliebe? Minoo Masani, der liberale indische Politiker aus Bombay, hat im „Encounter“ ein Porträt des Oppositionellen J. P. Narayan veröffentlicht – des Mannes, in dem die politisch moralische Tradition Gandhis weiterlebt.

In „The New Yorker“ hat der in den USA bekannte indische Schriftsteller Ved Media versucht festzuhalten, wer Gandhi war und was von ihm bleibt. Jahrelang hat er dazu Indien und andere Länder bereit, 400 Biographien und viele andere Dokumente konsultiert und Zeugen gefragt. Dabei hat er eine anhaltende Sehnsucht nach Gandhis Lehre festgestellt, ja, er meint sogar, diese könne auch außerhalb Indiens von großer Relevanz sein. Doch sind die Einzelheiten, die Mehta aus Gandhis Leben und Wirken mitteilt, bemerkenswerter als die Lehren und die Wirkungen. George Orwell hatte einmal trocken bemerkt, gegenüber Gegnern, die moralisch beeindruckbar waren wie die Engländer, habe Gandhi mehr erreicht als gegenüber fanatischen Hindus und Moslems. Der große Gegenspieler des britischen „Radsch“ erscheint nachträglich als dessen Partner und Zeitgenosse. War er ein Gründer? Mit seiner Lehre ließe sich „kein Staat machen“, und es müsse Indira Gandhi zugute gehalten werden, daß sie auf keine Traditionen politischen Denkens zurückgreifen kann, es sei denn auf jene der britischen Verwaltung und Armee und auf den noch tiefer in der Vergangenheit wurzelnden Versuch einer Dynastiegründung.

Tatsächlich gibt es auch noch ein Indien, das sich gern an britische Lebensformen erinnert, und dieses Indien hat David Holden – sein Bericht steht im Juni-Heft von „Encounter“ – in Bhahadur angetroffen, zwischen Jagden und Bridge-Partien und betrübten Erwägungen darüber, daß „bei uns wie bei euch“ der Standard nicht gehalten wurde. So mischen sich Traditionen des Kriegertums und der Gewaltlosigkeit, Nostalgien für verschiedenste vergangene Epochen, aber es dürfte kein Zufall sein, wenn diese Berichte niemals einen Anhaltspunkt zu einem „Indien’ – wohin“ bieten. Dieses Indien der verwehenden Spuren verweigert uns nicht nur die Wirklichkeit, sondern sogar die Illusion einer Vertrautheit – damit freilich auch die Lust, Zu entscheiden, wer hier jeweils die „Guten“ und die „Bösen“ sind.