Noch nie hat es in absoluten Zahlen gerechnet – so viele arme, hungernde, arbeitslose, des Lesens und Schreibens unkundige Menschen gegeben wie heute: Zwei Drittel der Menschen in der Dritten Welt vegetieren unterhalb des Existenzminimums, ein Viertel der Weltbevölkerung leidet ständig Hunger, 25 Prozent aller Erwachsenen auf dieser Erde sind Analphabeten, ein Drittel, aller arbeitsfähigen Menschen in der Dritten Welt ist arbeitslos, 63 Prozent der Erdbevölkerung – in den Entwicklungsjahr dern – bringen ganze 6,8 Prozent der Weltindustrieproduktion zustande, und nur knapp die Hälfte der Menschheit hat überhaupt Teil am Wirtschaftswachstum.

Wen kann es da noch wundern, daß sich die Fronten zwischen arm und reich immer mehr verhärten? Auf den großen Konferenzen, die in den letzten Wochen versuchten, Wege für eine Umverteilung des Reichtums zu finden, wurde das in aller Schärfe deutlich. Die Dritte Welt, die sich mit ihren Menschenmilliarden und Rohstoffreserven stärker glaubt, als sie wirklich ist, hat den Industrienationen den Kampf angesagt. Und die Reichen, die noch die Wahl haben, die Weichen zu stellen in Richtung Kooperation oder Konfrontation, reagieren ihrerseits empört und kultivieren alte Vorurteile.

Wenn auch die Staaten der Dritten Welt ihre Entwicklung in erster Linie selbst finanzieren müssen, geht es doch nicht ohne Hilfestellung durch die Industrienationen. Dies ist die Lehre aus den letzten beiden Jahrzehnten, in denen die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher geworden sind.

Entwicklungshilfe ist nicht populär. Das haben uns jüngst wieder die wohlhabenden Schweizer vor Augen geführt, als sie Mitte Juni per Volksabstimmung einen 200-Millionen-Kredit für die 26 ärmsten Länder ablehnten. Doch das sollte kein Anlaß für die Deutschen, sein, über ihre Nachbarn die Nase zu rümpfen. Zwar sind, wie aus einer noch nicht veröffentlichten Infratest-Umfrage hervorgeht, 58 Prozent der hierzulande Befragten – dies wiederum hauptsächlich Angehörige höherer sozialer Schichten mit guter Bildung, Gewerkschaftsmitglieder und Angänger der sozialliberalen Koalition – grundsätzlich für eine Unterstützung der Dritten Welt durch Entwicklungshilfe, während sich, nur 25. Prozent dagegen aussprachen. Doch wenn es darum geht, wo der Staat am ehesten sparen könnte, nennen 61 Prozent der Befragten an erster Stelle die Entwicklungshilfe (Allensbach, November 1975).

Ähnlich denken die Holländer. 63 Prozent der Befragten würden zuerst die Entwicklungshilfe kappen (Mai 1976). Selbst bei den progressiven Schweden sind, nur 20 Prozent für eine Steigerung des Entwicklungsetats (April 1976); Und bei der letzten Umfrage, die zu diesem Thema vor einem Jahr in den Vereinigten Staaten stattfand, meinten 63 Prozent der befragten Amerikaner, Entwicklungshilfe schade der eigenen Wirtschaft.

Wenn nun Entwicklungsminister Bahr im Wahlkampf stolz erklärt, die deutsche Hilfe für die Dritte Welt habe mit über einem Prozent des Bruttosozialprodukts eine Rekordhöhe erreicht, dann liefert er damit keine, der dringend notwendigen Informationen zur Entwicklungspolitik; er streut dem genervten Steuerzahler nur Sand in die Augen. Denn von den 12,2 Milliarden Mark entfallen 7,5 Milliarden auf die private Wirtschaft. Die öffentliche Entwicklungshilfe beträgt dagegen nur 0,4 Prozent des Bruttosozialprodukts, das sind immer noch 0,3 Prozent weniger, als die ohnehin nicht ausreichenden 0,7 Prozent, die die UN als Leitlinie fordern.

Andere davon zu überzeugen, sie müßten etwas von ihrem Überfluß abgeben, ist sicher keine dankbare Aufgabe. Aber solange Abstimmungen, Umfragen und Auskünfte über Entwicklungshilfe derartig negativ ausfallen, muß es immer wieder versucht werden. Gabriele Venzky