Kiel

Unter Spinnaker, den großen, bunten, ballonartigen Vorsegeln, die das Segeln erst so richtig photo- und telegen machen, zogen 192 Yachten über den Stollergrund, ein Stück Ostsee zwischen Eckernförde und Kiel; und durch eine Lücke in der sportiven Armada kreuzte geschickt, ohne die Regatta zu behindern, eine Yawl (für Laien: ein Boot mit einem großen und einem kleinen Mast). Am Ruder stand ein Segler namens Schmidt, Helmut, Bundeskanzler von Beruf.

„Klar zur Wende!“ Er hatte die mittlerweile auch im Hinterwald bekannte Helgoländer Lotsenmütze um eine Winzigkeit in die Stirn gedrückt. Sein Kommando kam eher beiläufig. Drei, vier Mann an Deck warfen Schoten los, jene Leinen, mit denen die Segel bedient werden, holten andere Schoten dicht, kurbelten an Winschen. Skipper Schmidt brachte die schwere, hochseetüchtige Yacht namens „Anke“ gut durch den Wind und dann am Wind wieder rasch ins Laufen. Die Speedometernadel pendelte um die „9“, neun Knoten, ganz schön schnell für ein Tourenschiff. Sein Eigner, der in Kiel stadtbekannte, auch Plattdütsch snackende Kaufmann Anton Willer, Automobile und Mineralöl, orderte beim Bootsmann. „een Lütten“. Helmut Schmidt, der ein Nicht-, doch kein Antialkoholiker ist, kippte den klaren Schnaps in die Kehle. Ansonsten herrschte trockener Humor vor; jedenfalls war die Gemütsbeschaffenheit heiterer als der meist leicht verhangene Himmel.

Sechs Sonntagsstunden lang war der Bundeskanzler in der Kieler Woche privater Gast des Deutschen Segler-Verbandes. Zu zehnt an Bord, wurde vom Yachthafen Schilksee aus „ein Schlag in See“ gesegelt. Die Motorboote, auf denen die Photographen mit ihren Teleobjektivrohren in Anschlag standen, fielen bald zurück. Doch ganz aus den Augen gelassen wird ein Kanzler nie: Ein Boot der Wasserschutzpolizei stampfte unverdrossen hinterher; ein Minensuchboot der Marine wachte im Hintergrund.

Die „Anke“ war drinnen und, von Tauchern, draußen untersucht worden. Die Sicherheitsexperten hatten nichts gefunden, auch nicht das winzige Leck, das durch ein schadhaftes Seeventil entstanden war. Kurz vor dem Ablegen plätscherte Wasser im Motorenraum der Yacht. Die Panne wurde mit Bordmitteln behoben. Der Bundeskanzler machte indessen Shakehands mit dem Oberbürgermeister und den Rathaushonoratioren von Kiel. Ganz privat kann ein Kanzler eben nie auftreten.

„Als Segler“, hatte Helmut Schmidt zu Beginn der Kieler Woche in einem Statement gegenüber dem Deutschen Segler-Verband erklärt, „möchte ich, um es einmal so frei auszudrücken, von Behörden möglichst nicht belämmert werden.“ Die Segler hören solche Sprache gern; denn mittlerweile drohen ihrem Sport immer mehr bürokratische Reglementierungen. Dazu Helmut Schmidt:

„Der Staat soll nicht alles machen und darf nicht alles machen. Er muß seinen Bürgern jene weiten Freiräume lassen, in denen sie in freien Organisationsformen ihre Freizeit sinnvoll und unter anderem möglichst frei von Ärger nutzen können. Ich weiß, daß Behörden und Bürokratien manchmal einen Drang zur Überperfektion haben und dabei eben auch Fraktionen zwischen staatlichen Stellen und den Wassersportverbänden auftreten können. Gewiß kommt man aus Sicherheits-, aus Umweltschutz- und anderen Gründen auf Seen und Wasserstraßen nicht ganz ohne staatliche Regelungen aus. Ebenso gewiß aber wären die Behörden gut beraten, wenn sie möglichst viele Regelungen den Wassersportverbänden in Eigenverantwortung überlassen.“