Von Inge Peter-Habermann

Sehr gut“ stand auf dem Zeugnis der Radfahrprüfung, das der Herr von der Verkehrswacht brachte. Seinen Erwerber erreichte es nicht mehr: der Junge T., elf einhalb Jahre alt, war zwei Tage vorher auf einem Fußgängerüberweg von einem Pkw überfahren worden, der das Rotlicht mißachtet hatte. Der Junge war sofort tot.

Dies ist einer der 719 in Stuttgart untersuchten Verkehrsunfälle mit Kindern aus den Jahren 1973 und 1974. Insgesamt 531 Interviews mit Eltern und Kindern sowie die Polizeiprotokolle wurden analysiert. Untersucht wurde – außer dem Unfallgeschehen selbst – das soziale Umfeld der Kinder und des Unfalls.

Wichtigstes Resultat: Nur selten sind Kinder kausal an ihrem Unfall „schuld“. Überwiegend sind sie das Opfer einer Reihe von Umständen, die den Unfall bedingen und außerhalb der kindlichen Einflußsphäre liegen. Die Ergebnisse setzen ein großes Fragezeichen hinter alles, was gegenwärtig an Unfallforschung und Verkehrserziehung betrieben wird: Beide konzentrieren sich auf die Übermittlung der im Verkehr gültigen Rechtsnormen. Die Verpackung, ein verniedlichtes Drumherum an sogenannter „kindgerechter“ Aufmachung durch Verkehrskasper und bunte „Verkehrsfamilien“, gilt dabei als fortschrittlich.

Ungeprüft blieb bisher die Frage, in welche Lage diese, den motorisierten Verkehr privilegierenden Rechtsnormen den kindlichen Fußgänger bringen. Sind die üblichen Appelle zum „Aufpassen“ und „Achtgeben“ – die ja nichts anderes als die bedingungslose Anpassung der Kinder fordern – eigentlich vertretbar?

I. Auf manchen Straßen gibt es besonders viele Unfälle