Kann Vorster noch zum Einlenken vergattert werden?

Von Ulrich Schiller

Washington, im Juni

Der offene Ausbruch des Rassenhasses in Südafrika konfrontiert Washington mit der Möglichkeit, daß Außenminister Kissingers Konzept für eine neue Afrikapolitik zu spät gekommen sein könnte. Das Blutbad in den schwarzen Gettos stellt diese Politik, die Kissinger im April in Lusaka aller Welt vortrug, auf die schwerste Belastungsprobe, noch ehe sie von den entscheidenden Kräften in Regierung und Kongreß überhaupt angenommen worden ist.

Kissinger hatte das Ziel seines Treffens mit dem südafrikanischen Premierminister Johannes Vorster Mitte dieser Woche auf deutschem Boden – im Bayerischen Wald – in dem Satz zusammengefaßt: „Ich will die Frage ergründen, ob Südafrika bereit ist, seine eigene Zukunft von Rhodesien und Namibia zu trennen.“ Das war vorige Woche vor dem Auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses. Der Außenminister wollte, wie er sagte, Südafrika dazu drängen, daß es erstens in Rhodesien die Bildung einer schwarzen Mehrheitsregierung herbeiführen hilft, zweitens Namibia, dem alten Südwestafrika, die Unabhängigkeit gewährt und schließlich selbst die Politik der Apartheid preisgibt. In dieser Reihenfolge setzte Kissinger die Prioritäten, damit unabsehbares Blutvergießen verhindert wird.

Vorster erscheint Washington als die Schlüsselfigur in einer solchen für einen längeren Zeitraum erhofften Entwicklung. Vor allem deshalb, weil er mit der Schließung der Transportwege nach und aus dem eingekesselten Rhodesien der Regierung des Ian Smith die Basis des wirtschaftlichen Überlebens entziehen könnte. Ob diese Einschätzung freilich auch jetzt zutrifft, nach den Unruhen in Südafrika und nach der Verurteilung Pretorias durch den Weltsicherheitsrat, wird hier allerdings bezweifelt.

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