"Musik und Politik – Schriften und Gespräche", von Hans Werner Henze. Am 1. Juli wird er fünfzig Jahre alt – schon oder erst? Henze war der erste Komponist der sogenannten Neuen Musik, der einen doppelten Umbruch mitzuvollziehen hatte. Der Sechzehnjährige hatte 1942 in der Braunschweiger Staatsmusikschule noch ein altes politisches und traditionell ästhetisches System kennengelernt, vier Jahre später fand er nicht nur eine sich neu ordnende Gesellschaft, sondern auch ein sich neu ausrichtendes musikalisches Gefüge vor. Als gut fünfzehn Jahre später Henze Sympathien für die nicht nur aufbegehrende junge Linke entwickelte, bedeutete dies keineswegs eine Wendung um 180 Grad. Schon in seinen frühesten Essays, die 1964 erschienen und die in das vorliegende Taschenbuch wieder aufgenommen wurden, hat Henze sein Unbehagen an jenem Kulturbetrieb formuliert, an dem er dann doch nutzbringend partizipierte. Wenn er sich inzwischen nicht nur auf die Seite derer schlug, die in einer revolutionären Umgestaltung unserer Gesellschaft das Heil suchen – und diese Position verkünden die Aufsätze, Gespräche, Einführungen und Briefe des zweiten Teils dieses Buches (1965–75) –, sondern zur gleichen Zeit sich der Mittel dieser alten Gesellschaft bedient, ob im Royal Opera House Covent Garden in London, wo demnächst die Oper "We Come to the River" uraufgeführt wird, oder in der norditalienischen Kleinstadt Montepulciano, wo Henze die vom offiziellen Kunstbetrieb vernachlässigten Kleinbauern und -händler mit alter und neuer Musik bekanntmachen will: von seinem Ideal des Apollinisch-Schönen, das er in allen seinen Werken und seinen Texten, unabhängig von seinen politischen An- und Absichten vertrat, wird er – hoffentlich – auch in Zukunft nicht ablassen wollen. (Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 1976; 274 S., 8,80 DM.) Heinz Josef Herbort

"Scheitern inbegriffen – Berichte zur Lage in den deutschen Schulen", von Malte Buschbeck. Der bildungspolitische Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" hat seine vor kurzem erschienene Serie über die heutige Schulsituation erweitert und als Buch herausgebracht. Der Band hebt sich wohltuend von dem unverbindlichen Gerede ab, das heute vielfach die Bildungspolitik bestimmt. Buschbeck kümmert sich vor allem um die statistischen Grundlagen, arbeitet sehr gründlich und teilt viel wichtiges aufbereitetes Zahlenmaterial mit, das einem breiten Publikum im allgemeinen unzugänglich ist, weil es nur in Spezialpublikationen veröffentlicht wird, wenn es nicht in Archiven verborgen bleibt. Es geht Buschbeck vor allem um drei der am meisten gefährdeten Bereiche: um die Kinder der Gastarbeiter, von denen fast jedes zweite überhaupt keine Schule besucht; um die Jungarbeiter, die Mädchen und Jungen also – rund 250 000 sind es –, die keinen Schulabschluß haben und deshalb nur Hilfsarbeitertätigkeiten ausüben können; schließlich um die Hauptschule, die immer mehr zu einer "Bildungs"-Stätte für Kinder von Arbeitern und kleinen Angestellten wird. Was in den vergangenen fetten Bildungsjahren an Reformen und Verbesserungen nicht geschafft wurde, so fürchtet Buschbeck, "hat wohl nur noch wenig Chancen verwirklicht zu werden". Stimmt das, dann brauchen Ausländerkinder, Jungarbeiter und Hauptschüler nichts mehr zu hoffen, dann wären sie verraten und verkauft. (Paul List Verlag, München, 1976; 108 S., 12,80 DM.)

Hayo Matthiesen

* "Kettenreaktion", von Jost Herbig. "Jetzt sind wir alle Hurensöhne", meinte der amerikanische Physiker Bainbridge am 16. Juli 1945 zu seinem Kollegen Oppenheimer; beide waren maßgeblich an der Zündung der ersten Atombombe auf dem Versuchsgelände bei Los Alamos (Neu-Mexiko) beteiligt. Die Generalprobe zum Wochen später folgenden "Todesspiel" von Hiroshima und Nagasaki gelang. "Das Drama der Atomphysiker" – so der Untertitel von Herbigs lesenswertem Sachbuch – mußte ohne Helden auskommen. Brechts "Leben des Galilei" empfiehlt sich als Parallel-Lektüre. Wer immer noch glaubt, Physik und Politik hätten nichts miteinander zu tun, sei nachdrücklich auf dieses Buch verwiesen. Der Autor – Naturwissenschaftler und Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher – beschreibt in 17 umfangreichen Kapiteln nicht bloß die ungesteuerten Kettenreaktionen, die in einer Atombombe ablaufen, sondern schildert auch anschaulich all die Kettenreaktionen, die Zusammenhänge und Zufälle im politischen und wissenschaftlichen Bereich. Die (Kriegs-)Forschung in Großbritannien und Frankreich, vor allem aber in den USA und in Deutschland steht im Mittelpunkt seiner kritischen Betrachtungen; dabei nehmen wiederum die 30er und 40er Jahre besonders viel Raum ein. Herbigs Schrift kann ein nach Sachgebieten geordnetes Bücherregal durcheinanderbringen: Sie liefert fächerübergreifende Informationen. Zudem bietet sie deutliche Warnungen an: "Die Erfahrung der Wissenschaftler, die an der Atombombe gearbeitet haben, zeigt, daß am Ende jeder Untersuchung dieser Art der Wissenschaftler unbeschränkte Macht in die Hände der Menschen legt, denen er sie am wenigsten anvertrauen möchte." (Hanser Verlag, München, 1976; 515 S., 39,80 DM.)

Werner Hornung

"Intelligenz macht Schule", von Ernst Ott. Schule macht intelligent: Stimmt auch die Umkehrung? Zu einem Teil läßt sich Intelligenz sicher lernen, denn neben den Erbfaktoren spielen auch die Umwelteinflüsse eine Rolle. Pädagogik-Professor Ott formuliert dies in der Einführung zu seinem Intelligenzprogramm für Acht- bis Vierzehnjährige so: "Ob der Samen einmal aufgeht, und wie groß das Pflänzchen wird, hängt von der Umwelt ab und wie man sich in ihr verhält." Ein pädagogischer Gärtner schwenkt hier die Gießkanne und verspricht Hilfe, diesmal für Schüler der Primär- und Sekundarstufe I. 150 unterschiedliche Aufgaben, geordnet nach fünf Schwierigkeitsstufen, finden sich; trainiert werden sollen Konzentration, anschauungsgebundenes und zahlengebundenes Denken, wortgebundenes und logisches Denken, Analogiedenken. Aber nicht immer klingen die Fragestellungen in diesem verhältnismäßig teuren Buch klar genug; und die Lösungen bieten dem, der die richtige Antwort nicht gefunden hat, überhaupt keine Hilfe. Der Verfasser erklärt nämlich auf den jeweils letzten Seiten nichts, sondern, nennt bloß die zutreffenden Lösungsziffern oder -buchstaben. In H. J. Eysencks "Intelligenz-Test" (Rowohlt, Reinbek, 1972) – ein umfangreicheres, auch brauchbareres Buch – vermißt man solchen Leserservice nicht; die Antworten sind dort stets ausführlich erläutert. Otts schmaler Band enthält weitere Mängel: Druck- und Rechtschreibfehler. Grundsätzlicher Vorbehalt: Zu den Käufern solcher Bücher zählen am ehesten Eltern leistungsschwacher Schüler; ihren Kindern ist hiermit bestenfalls kurzfristig geholfen. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1976; 96 S., 16,80 DM.) Werner Hornung