ARD, Sonntag, 20. Juni: „Gershom Schülern“

Die Freunde der jüdischen Mystik hatten lange zu warten; die kleine Schar derer, die sich, durch moderne Poeten wie Paul Celan und Hilde Domin unterwiesen, ein wenig mit dem Buch Sohar, seinen Rätseln und seiner Bildersprache beschäftigt hatten, übten sich in Geduld. In Belgrad wurde Fußball gespielt. Der Spieler Hoeness verschoß seinen Elfmeter, der Reporter nannte ihn einen einsamen Mann, wie das nun einmal üblich ist: Die sogenannte Sporttragik hat ein festes Repertoire von Klischees; dann endlich kam Gershom Scholem zu Wort.

Scholem: die revolutionäres Komponente des Zionismus enthüllend, seine progressive Erinnerungskraft Seinen Blick nach vorn, seinen Mut sich zugleich gegen den Liberalismus der assimilierten Juden wie gegen die in Osteuropa beheimatete Orthodoxie zu behaupten. Der Betracht ter am Bildschirm, eingeschüchtert wie er war durch das Gerede allwissender Fachjournalisten („Flohe, der mit Vornamen natürlich Heinz und nicht Karl-Heinz heißt“), atmete auf: Endlich wieder Fragen, Probleme, Nuancierungen, endlich nicht mehr ja oder nein, sondern Zweifel, Bedenken, Zurücknahmen und Einschränkungen

In einem großen zwiegeteilten Gespräch, zunächst vom Zionismus und dann von der Kabbala redend, gab Scholem Auskunft... gab Auskunft, indem er die scheinbar getrennten Probleme unter einem Blickwinkel sah: dem Aspekt der Tradition. Kann man, im Aufstand gegen die Tradition, wurde gefragt, eine neue Tradition begründen? Zionismus kontra Orthodoxie, Kabbala kontra Halacha: Was geht da verloren, was wird da begründet? Hier Tiefsinn und Spiritualität, dort die Regel und das Gesetz: Kann das eine ohne das andere sein?

Ein erregendes Gespräch, das die Zuschauer zum Nachdenken und Nachlesen zwang. Ein Gesprach, wohlgemerkt, kein Monolog. Jörg Drews, der Scholem befragte, tat dies auf sokratische Weise – kenntnisreich und präzise, taktvoll und insistierend zugleich. (Als Scholem die Gründung des Judenstaats mit Hilfe der These vertrat „Wer sich erinnert, ist im Recht“, gab Drews zu bedenken, daß doch wohl auch ein arabisches Gedächtnis vorstellbar sei – und was für eins!)

Ein Gespräch über den Zionismus, seine Problematik, seine Flügelkämpfe und seine mythische Tradition. Ein Gespräch über das Fortwirken des kabbalistischen Weltbilds, seine Verwandlungen, seine Gefahren und seine verwegenen Thesen. (Hätte Gott es nicht vermocht, sich selbst zu beschränken, gäbe es weder Endlichkeit noch Menschen noch Welt, sondern nur – Gott.)

Ein Gespräch, das, da es Neues bot und das Neue zugleich wieder in Frage stellte, vom, Betrachter ein Höchstmaß an Sammlung verlangte... und eben die wurde durch eine aberwitzige Kameraführung gefährdet. Statt Scholem zu zeigen, mitsamt seinem Geschichten erzählenden Gesicht, statt Konzentration zu befördern und streng bei der Sache zu bleiben, war die Kamera um jeden Preis auf Zerstreuung bedacht, fuhr Regale ab, spazierte im Freien herum und brachte, als gelte es, Jerusalem in Agfacolor darzubieten, Ansichten aus Palästina ein, mit Felsen, Dom und Klagemauer, mit betenden Juden und flanierenden Arabern, mit gelber Wüste und mit einem Himmel, der rot war. Alles abgerufen auf ein Stichwort hin: Sagte Scholem „Geographie“, dann wurde Landschaft gezeigt; sagte er „Westmauer“ – dann war sie im Bild!