Von Karl-Heinz Janßen

Die Dinge in der Welt sind nun einmal so seltsam", philosophierte Mao Tse-tung über das Los der Staatsmänner. "Man kann hinauf, aber man kann nicht hinunter." Seit den fünfziger Jahren währt schon der lange Rückmarsch des Vorsitzenden vom Gipfel der Macht, den zu erklimmen er dreißig Jahre gebraucht hatte. Auch der jüngste Beschluß des chinesischen Zentralkomitees, die dem teilweise gelähmten Parteichef die Qual ebenso demütigender wie anstrengender Audienzen für ausländische Staatsmänner ersparen soll, löst nicht das Problem.

Jede Preisgabe an öffentlicher Präsenz ist automatisch mir einer Einbuße an Autorität verbunden. Zeigt sich Mao nicht mehr im Fernsehen, werden Partei und Volk verunsichert. Bereits jetzt kursieren in den Provinzen Weisungen und Worte des Vorsitzenden, die nicht von ihm autorisiert sind. Wie kann Mao, seiner Neigung zur Kontemplation und den Gebrechen seines Körpers nachgebend, den Blicken der Welt allmählich entrücken und dennoch soviel an Autorität und Charisma bewahren, wie die Partei braucht, um in der Übergangsphase Einheit und Stabilität des Riesenreiches zu erhalten und einen reibungslosen Machtwechsel vorzubereiten? Kaum hatte die Nachricht vom Verzicht Maos Unsicherheit ausgelöst, da beruhigte Peking schon wieder die Gemüter: Die Parteipresse veröffentlichte das neueste Photo des lächelnden Vorsitzenden. Noch thront Mao über China.

Vor zwanzig Jahren machte sich Mao zum erstenmal Gedanken über seine Nachfolge. Es ging ihm damals gesundheitlich nicht gut; er war es auch leid, als Staatsoberhaupt fast täglich die Hände aus- und inländischer Besucher schütteln zu müssen; überhaupt haßte er den Zwang bürokratischer Routine. Außerdem schreckten ihn die schlechten Erfahrungen der sowjetischen Genossen mit der Nachfolge Stalins. "Wenn es Wirren erst bei meinem Tode gibt, wären doch zum jetzigen Zeitpunkt Wirren besser, auf jeden Fall ist man ja noch da", sagte Mao im Dezember 1958.

Damals glaubte er die Lösung des Problems gefunden zu haben, indem er das Ständige Komitee des Politbüros aufteilte. Er selber zog sich in die "zweite Linie" zurück, wollte sich nur noch den großen Grundsatzfragen und der Ideologie widmen. Die Männer in der "ersten Linie" wie der Vizevorsitzende Liu Schao-tschi und der Generalsekretär Teng Hsiao-ping sollten sich um den Kleinkram in Staat und Partei kümmern. Am 16. Dezember 1958 überraschte Mao sein Volk durch seinen Rücktritt vom Amt des Staatspräsidenten, merkwürdigerweise am selben Tage, an dem das Zentralkomitee indirekt schwere Rückschläge beim großen Sprung nach vorn eingestehen mußte. Dem Zentralkomitee erscheine der Rücktritt als "ein durchaus positiver Vorschlag", hieß es vielsagend. Erst zehn Jahre später stellte sich heraus, daß Maos Überwechseln ins zweite Glied nicht ganz freiwillig gewesen war. Offensichtlich hatte niemand im Zentralkomitee ihn zum Bleiben aufgefordert – ein unübersehbares Zeichen des Unmuts über die letzten Entscheidungen des Vorsitzenden.

Nur zu bald wurde Mao gewahr, daß ihn der neue Staatspräsident Liu und Generalsekretär Teng als Ehrenvorsitzenden behandelten, den man wie einen lächelnden Buddha ins Regal stellt. Sie führten zwar dauernd seine Worte im Munde, handelten aber auf eigene Verantwortung, konsultierten ihn kaum noch, richteten sich "unabhängige Königreiche" ein. Erst mit Hilfe der Roten Garden und der Armee konnte sich Mao während der Kulturrevolution die entglittene Macht zurückerobern, nur um sie alsbald gegen seinen neuen Nachfolger und "nächsten Waffengefährten" Lin Piao behaupten zu müssen.

1970 zeigte er sich bei der Parade am Nationalfeiertag zum letztenmal den jubelnden Massen. Der Personenkult habe seinen Zweck erfüllt, vertraute er seinem amerikanischen Freunde Edgar Snow an, von nun an wolle er nur der Große Lehrer seines Volkes sein. Aber auch künftig konnte ohne seine Zustimmung keine wichtige politische Frage entschieden werden.