Der niedersächsische Wirtschaftsminister und CDU-Politiker Walther Leisler Kiep besucht mit einer Gruppe von Bankiers und Unternehmern Polen. Er fand aufgeschlossene Gastgeber und stieß zugleich an die Grenzen wirtschaftspolitischer Annäherung.

Am Ende seiner drei polnischen Tage stand für Walther Leisler Kiep die Erkenntnis: „Das Verhältnis zwischen Warschau und Bonn ist viel enger, um nicht zu sagen intimer als erwartet.“ Aus dem Munde des CDU-Politikers, der die Opposition seit langem aus ihrer ostpolitischen Trotzecke herauszubringen versucht, klang das überraschend. Aber selbst für Kiep, dem der Ostblock sonst nicht fremd ist, war der Besuch, den er – in der letzten Woche in Warschau und auf der Posener Messe machte, eine Premiere.

Sie fiel auf einen günstigen Zeitpunkt. Edward Gierek war gerade aus Bonn zurückgekehrt. Die Befriedigung der Polen über seine Aufnahme in der Bundesrepublik und über die Gespräche mit der Bundesregierung teilte sich Kiep spontan mit. In fast jeder Unterhaltung wurde die polnische Absicht, unter dem Dach der KSZE-Beschlüsse von Helsinki das Netz der beiderseitigen Beziehungen so dicht wie möglich zu knüpfen, zum Hauptthema.

Um so mehr lag Kiep daran, nun an Ort und Stelle das Manko christdemokratischer Präsenz in Polen auszugleichen. Daß Helmut Kohl noch immer nicht gekommen ist, erregt Verwunderung und Befremden. Kieps Visite wurde da nur als begrenztes Alibi akzeptiert, mochte er seine Reise auch mit dem Kanzlerkandidaten der Union sorgsam abgesprochen haben.

Was Wunder, wenn er ein um das andere Mal wiederholte, der mit der einstimmigen Annahme der deutsch-polnischen Vereinbarungen eingeschlagene Kurs werde eine Konstante der Bonner Ostpolitik sein, mitgesteuert auch von der Opposition. Für seine Person brauchte er das nicht zu unterstreichen. Ob es sich nun um Außenminister Olszowski, dessen Stellvertreter Czyrek, um Außenhandelsminister Olszewski, den Vizepremier und Vorsitzenden der Plaiungskommission, Wrzaszcyk, um Fachminister oder dann in Posen um den Regierungschef Jaroszewicz handelte – kaum einer seiner Gesprächspartner, der nicht den Beitrag Kieps zur Billigung der Vereinbarungen hervorgehoben hätte.

Angesichts der noch größeren Rolle, die im künftigen deutsch-polnischen Alltag die ökonomischen Beziehungen spielen sollen, erwies es sich auch als Vorteil, daß der neue hannoversche Wirtschaftsminister eine Gruppe vornehmlich niedersächsischer Unternehmer und Bankiers mitgebracht hatte. Die protokollarische Einstufung seines Besuchs öffnete Kieps Mitreisenden manche Türen, die zu durchschreiten den Firmenchefs, Handelskammerpräsidenten oder Aufsichtsratsvorsitzenden sonst wohl schwergefallen wäre. Sie spürten, wie sehr die Polen die wirtschaftliche und politische Kooperation als zwei Seiten ein und derselben Medaille betrachten.

Den Polen blieb die relative Zurückhaltung der Wirtschaftler gegenüber den Zukunftsperspektiven des Polenhandels nicht verborgen. Nachdem bei vielen üppigen Aufträgen, zum Beispiel für den Automobilbau, in der Elektronik oder bei Baumaschinen, die Konkurrenz aus anderen westlichen Ländern das Rennen gemacht hat, müssen große und langfristige Projekte, von der Kohlevergasung und dem noch nicht ganz unter Dach und Fach gebrachten Kupfervorhaben abgesehen, erst noch konzipiert werden. Eher scheint die Entwicklung auf die Zusammenarbeit in speziellen Bereichen und auf die Pflege von Marktnischen hinauszulaufen.