Von Rudolf Walter Leonhardt

Keine der beiden großen Parteien, weder Christdemokraten noch Kommunisten, haben diese vorgezogene Wahl gewollt. Die Sozialisten haben sie provoziert, ohne daß sie selber dabei viel zu gewinnen hatten.

Kommt nun also jener „historische Kompromiß“ auf Italien zu, den der kommunistische Parteichef Enrico Berlinguer während einer erregten Parlamentsdebatte nach dem Putsch in Chile im September 1973 den Christdemokraten zum erstenmal angeboten hatte? Alle reden seit jener Zeit immer einmal wieder vom compromesso storico“, dem Regierungsbündnis zwischen Christdemokraten und Kommunisten: Italiener nicht ohne Neugier, Europäer und Amerikaner (sofern sie nicht gerade kommunistisch sind) eher erschrocken.

Mehr als 300 000 Italiener haben 1975, im Jahr seines Erscheinens, ein Buch gekauft, in dem die Möglichkeiten durchgespielt werden. Amintore Fanfani, der „Professor“ und Führer der Christdemokraten, hat zunächst mit Kissingen verhandelt und schlägt dann – im Jahre 1976 – dem Kommunistenführer Berlinguer vor: Entweder: Wir unterschreiben Ihren historischen Kompromiß. Oder: Sie gewinnen die nächsten Wahlen und werden mit der Regierungsbildung beauftragt. Oder schließlich: Wir verschieben die Wahlen solange wie möglich, und während dieser Zeit regiert die Democrazia Cristiana in einem geheimen Bündnis mit den Kommunisten, die öffentlich nicht in Erscheinung treten – so daß das Ausland uns guten Gewissens auch weiterhin unterstützen kann.

Das Buch heißt

„Berlinguer und der Professor“; Seewald Verlag, Stuttgart 1975; 154 S., 19,80 DM.

Die Übersetzung fällt ab gegen die Brillanz des Originals, aber sie ist immerhin brauchbar. Über den anonymen Autor gab es seinerzeit viel Rätselraten, In der ZEIT schrieben wir (am 13. 6. 1975): Wir glauben, „daß das Buch aus der Redaktion des Mailänder Giornale kommt...“.