Von Felix Spies

Rudolf von Bennigsen-Foerder, Vorstandsvorsitzender der Veba AG, fahndet nach einem Leck. Fast elf Monate lang hatte er das Interesse seines Konzerns an einer 14-Milliarden-Dollar-Ausschreibung des Königreichs Saudi-Arabien geheimhalten können. Doch zwei Wochen vor der offiziellen Übergabe der Offerte wurde das sorgsam gehütete Geheimnis, sehr zum Ärger des Veba-Chefs, aus bisher unenttarnter Quelle publik (ZEIT Nr. 24 vom 4. 6. 76): Der Öl-, Chemie- und Strom-Konzern bewirbt sich in Riad um den Bau eines Industrie-Kombinats am Roten Meer – um den größten Auftrag, den je ein deutsches Unternehmen anging.

Was deutschen Tageszeitungen nur versteckte Meldungen wert war, machte die Börsianer sogleich frisch und kregel. Die Veba-Aktien (fast 44 Prozent hält der Bund, den Rest teilen sich weitere, 1,2 Millionen Aktionäre) werden seitdem, mit hohen Tagesumsätzen, gehandelt. Kurs stieg binnen zwei Wochen en auf den bisherigen Jahreshöchststand von über 124 Mark für die 50-Mark-Aktie. „Die Börse“, so ein Frankfurter Tip-Dienst, „hofft auf ein saudiarabisches ‚Öl-Wunder‘.“ Denn: „Veba bekommt neue lukrative Rohöl-Kontrakte – die Araber ein Veba-Aktienpaket.“

So viel Schwärmerei und Phantasie sind dem jährigen Rudolf von Bennigsen-Foerder ein rechtes Ärgernis. Nach der peinvollen Erfahrung, die der Veba-Boß im vergangenen Jahr mit der vorschnellen Ankündigung einer ... umfassenden, dann aber gescheiterten. Kooperation mit dem amerikanischen Öl-Multi Gulf Oil gemacht hat, wollte er diesmal erst nach vollendeten Tatsachen reden – wenn sich die Saudis entschieden haben. Doch nun, da schon einmal bekannt ist, daß sich die Veba um den Zuschlag für den Generalentwicklungsplan für das saudiarabische Industriekombinat Yanbu bewirbt, bleibt von Bennigsen, nur kräftiges Understatement: „Man muß das Ganze“, so sagt er beschwörend, „tiefer, sehr viel tiefer hängen.“

Die Bescheidenheit in der eher düsteren Konzernzentrale am Karl-Arnold-Platz in Düsseldorf ist-zweifellos echt. Denn am Freitag und Samstag vergangener Woche haben neben der Veba noch eine Handvoll weiterer Yanbu-Interessenten, vor allem mehrere von Bennigsen favorisierte amerikanische Unternehmen, den Saudis ihre Offerten überreicht. Zudem: Das Industrialisierungsprojekt am Roten Meer, Teil des im Mai vergangenen Jahres von der Regierung in Riad beschlossenen „Zweiten Entwicklungsplans für das Königreich in Saudi-Arabien“, hat. Dimensionen, die auch den Chef des umsatzstärksten deutschen Konzerns (Veba-Erlös 1975: mehr als 25 Milliarden Mark) beeindrucken können.

Festigung der Beziehungen

In Yanbu al Bahr, einem kleinen Fischerei- und Hafenplatz am Roten Meer, etwa 400 Kilometer nördlich von Mekka und rund zweihundert westlich von Medina, soll für umgerechnet 35 Milliarden Mark der neben dem Komplex Dhahran zweite petrochemische Industrieschwerpunkt Saudi-Arabiens entstehen. Wo vormals der Agent der britischen Krone T. E. Lawrence (of Arabia) anlandete, wollen sich die Saudis neben einem neuen Hafen Raffinerien, petrochemische Fabriken, Tanklager, Meerwasserentsalzungsanlagen, einen Flugplatz, Straßen und eine neue Stadt bauen lassen. Ein Rohöl/Erdgas-Pipeline-System, das in den Projektkosten noch gar nicht enthalten ist, wird die notwendigen Rohstoffe von den Förderfeldern am Arabischen Golf quer durchs Land heranbringen. Und kein Zweifel darf daran bestehen: Das Geld dafür ist da. Saudi-Arabien hat Gold- und Devisenreserven von mehr als 23 Milliarden Dollar angesammelt.