Die siegreichen Kommunisten planen behutsam das neue Vietnam

Von Max Austerlitz

Saigon, im Juni

Vor vierzehn Monaten ist das Thieu-Regime zusammengebrochen, aber noch ist Saigon eine Stadt im Umbruch. Nicht immer fällt es leicht, Veränderungen wahrzunehmen, denn die tiefgreifendsten Umwälzungen fanden natürlich nicht an der Oberfläche statt. Häufig ging der Wandel auch sehr langsam vonstatten. Nicht weil er überflüssig war, sondern weil das neue Regime sich andere Prioritäten gesetzt hat. So kommt es, daß heute halb Saigon noch in der Vergangenheit verharrt, während die andere Hälfte in eine noch nicht klar umrissene Zukunft aufgebrochen ist.

Da sind zum Beispiel die meisten Bars in der Innenstadt noch geöffnet, der Verkehr ist so chaotisch wie in früheren Zeiten und auf dem Diebesmarkt gibt es kaum eine – ausländische Ware, die nicht zu haben wäre. Die Preise, die nach der Machtübernahme durch die Kommunisten zunächst rapide gefallen waren, sind nun in schwindelnde Höhe gestiegen, vor allem Stereoanlagen, Fernsehapparate, Transistorradios und amerikanische Schallplatten erzielen ungeahnte Höchstpreise. Dagegen sind die Preise für Autos und Motorräder gefallen, eine Folge der Benzinrationierung, Fahrräder kosten dafür um so mehr.

Eine der vielen Widersprüchlichkeiten in Saigon ist es, daß einerseits behauptet wird, das Geld sei knapp, während andererseits die ganze Stadt von einem Kaufrausch ergriffen worden ist. Auf dem Zentralmarkt fehlt es weder an Waren noch an Käufern. Wenn nicht die Sandsäcke und die Stacheldrahtverhaue, die früher die offiziellen Gebäude umgaben, verschwunden wären, und wenn hier und da nicht ein Porträt von Ho Tschi Minh auftauchte, könnte ein flüchtiger Beobachter glauben, daß sich seit dem 10. April 1975, dem Tag, an dem die Kommunisten die Macht übernahmen, nichts geändert hat.

Daß dieser Eindruck überhaupt entstehen kann, liegt nicht etwa daran, daß das neue Regime nachlässig oder lasch wäre. Ganz im Gegenteil: die neue Führung in Südvietnam hat sogar ein ausgesprochenes Gefühl für Prioritäten. „Alles ist wichtig“, sagt einer der tonangebenden Leute, „aber manche Probleme müssen sofort gelöst werden, andere können dagegen warten.“