Von Petra Kipphoff

Was eine Kunst- von einer Miederwarenmesse auch noch unterscheidet: daß das Gros derjenigen, die hier ihre Ware anbieten, schon höchst zufrieden ist, wenn die Messe als ein Plus-Minus-Null-Geschäft ausgeht, will sagen, wenn die Kosten für den Transport und den Stand, für die Reise und den Aufenthalt durch die Verdienstspanne bei den Verkaufen wieder hereinkommen.

Die Zeiten, da einer mit einem riesigen mit spritzten Lichtenstein ein riesiges und viele mit schön kleinen serigraphierten konnten, ein vorschön großes Geschäft machen konnten, sind vorder Und wenn Galerien einen Umsatzvergleich der letzten Jahre machen würden, dann könnten sie gleich schließen: So sagte es Ernst Beyeler, Basler Galerist und Schweizer Mitglied des Ausstellungsbeirats der Art 7 ‘76 in seiner Eröffnungsrede.

Aber sie schließen nicht, denn alle, die mit Kunst zu tun haben, sind Masochisten. Von der "vornehmen Droge Kunst, die viele Menschen mehr und mehr brauchen", sprach Beyeler auch und zitierte dann, den Süchtigen zur Selbstbestätigung und zum Trost, Chagall, der ihm gestanden hatte: "Wir haben doch den schönsten Beruf, nicht wahr?"

Vielleicht wirklich wahr. Eine Veranstaltung wie die Basler Kunstmesse jedenfalls scheint Chagall eher zu bestätigen. Zwar sind müdes Klagen, kennerhaftes Nörgeln und arriviertes Lästern die Lieblingsbeschäftigungen der dort Auftretenden: der Galeristen wie der Künstler wie der Sammler wie der Kritiker. Aber all diese so dekorativ verwölkten Seelen wissen auch, daß die BaslerMesse die derzeit in jeder Hinsicht attraktivste Kunstmesse überhaupt ist. Das beginnt, marginal, mit den angenehmen Räumlichkeiten (der Rundbau, in dessen Innenhof man unter freiem Himmel sitzen und auch Selbstbedientes zu sich nehmen kann, läßt durch viele Fenster und Türen so viel Licht und Luft herein, daß einem die typische Messehallen-Klaustrophobie erspart bleibt) und geht, zentral, bis zur Breite des Angebots (nachdem die Kölner Erfinder der Kunstmesse zunächst die Ausländer aus Konkurrenzangst ausgeschlossen hatten und dann ein jahrelanges Köln-Düsseldorfer Gezänk die Gemüter voll beschäftigte, haben sich nicht nur ausländische, sondern auch viele bundesrepublikanische Galeristen für Basel entschieden). Und schließlich ist überhaupt ganz gut sein in einer so selbstbewußt strengen, so bürgerlich schönen Stadt wie Basel.

Auf 34 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, über zwei Stockwerke verteilt, boten in diesem Jahr 299 Aussteller aus 21 Ländern Kunst und Kuriosa an. Weitere 70 Bewerber wurden aus Gründen der "qualitativen Limitierung" abgewiesen, und wenn man Peter Lotz, den Vorsitzenden des Messebeirats, um eine Erklärung zur Praxis dieser ästhetisch demokratischen Weichformel bittet, dann begreift man, noch einmal, warum es den so umgänglich geschäftstüchtigen Schweizern gelungen ist, den Kölnern und Düsseldorfern, die die Menschheit vor die teutonische Alternative Qualität oder Chaos stellten, so versiert den Rang abzulaufen. Akzeptiert werden in Basel die, die sich schon bewährt haben. Nicht akzeptiert werden die, die von denen, die sich schon bewährt haben, nicht akzeptiert werden: weil sie die Atmosphäre so verschlechtern könnten, daß dann die, die akzeptiert sind, sich möglicherweise wieder zurückziehen würden.

Ein paar schlimme Kitsch-Verhökerer, die Federvieh aus polierter Bronze oder gemütlichen Porno anbieten, sind natürlich immer dabei. Aber im übrigen achtet man darauf, daß ein Galerist wie Jan Krugier aus Genf, der in seinem Stand regelmäßig ein exquisites Miniatur-Museum klassischer Moderne installiert, sich nicht zu genieren braucht für sein weiteres Ambiente. Und wo eine Absage einen die Kreise der Kunst möglicherweise überschreitenden Akt dargestellt hätte, da fand man in Basel eine Sonderlösung: Eine geballte Ladung überflüssiger, weil mittelmäßiger Bilder und Plastiken, angefertigt von 37 persischen Künstlern, wurde auf einem exklusiv mit "Modern Iranian Art" bestückten Größtraum-Stand gezeigt. Vielleicht wäre einem diese Fein-Diplomatie nicht so sehr aufgefallen, wenn nicht gerade ein paar Tage zuvor die Schweizer in einer Volksbefragung gegen die Gewährung eines Kredits von 200 Millionen Mark an die Internationale Entwicklungsorganisation gestimmt hätten.