Der Favorit Antonio Ramalho Eanes verspricht Ruhe und Ordnung – und die Herrschaft der Parteien

Von Horst Bieber

Zum drittenmal innerhalb von vierzehn Monaten werden die Portugiesen am kommenden Sonntag zu den Wahlurnen gehen und – wenn die Demoskopen recht behalten – gleich im ersten Durchgang einen neuen Staatspräsidenten bestimmen: Antonio dos Santos Ramalho Eanes, Jahrgang 1935, Chef des Heeres-Generalstabes im Range eines Generals. Er ist gemeinsamer Kandidat der drei großen Parteien, der Sozialisten (PS), der Volksdemokraten (PPD) und des Christlich-Sozialen Zentrums (CDS). Zweieinviertel Jahre nach dem Sturz des Caetano-Regimes schickt sich Portugal an, einen Schlußstrich unter die revolutionäre Phase zu ziehen und sich den Sorgen des grauen Alltags zuzuwenden – in den Worten eines enttäuschten Politikbarden: "Statt Nelken jetzt rasch verblühende Kakteen."

Wie kein anderer der vier Kandidaten verkörpert Eanes den seit Monaten zu beobachtenden Stimmungsumschwung in der portugiesischen Bevölkerung – fort von der Aufbruchstimmung des Jahres 1974 zu jener Haltung, die der Wahlkampfslogan des Generals treffend beschreibt: "Ein freies Leben in Sicherheit." Die Mehrheit ist der Experimente müde geworden, sie wünscht Ruhe, Ordnung, Überschaubarkeit; sie sucht Stetigkeit im Wandel, sie ist nicht mehr bereit, erworbene Vorteile zugunsten utopischer Ziele aufs Spiel zu setzen. Für dieses Ziel nimmt sie in Kauf, das Schicksal Portugals einem weithin unbekannten Manne anzuvertrauen, der in erster Linie ein nüchterner Berufsoffizier ist und dessen demokratische Gesinnung oder politische Auffassung niemand genau kennt. Die Revolution ist in ihre konservative Phase eingetreten.

Gewählt wird das Programm

Eanes’ Favoritenstellung verkörpert freilich auch die portugiesische Nationaleigenschaft, sich mit den starken Männern gutzustellen. Nur so konnte ein Mann, der bis zum November 1975 allein den Eingeweihten bekannt war, alle Konkurrenten überrunden. Die Portugiesen wählen nicht Antonio Ramalho Eanes, sondern ein Drei-Punkte-Programm: den Rückzug der Militärs aus der Politik, die Machtübernahme der Parteien und die Unterdrückung rätedemokratischer Elemente,

Diese Stellvertreter-Funktion trifft in mancher Beziehung auch auf die drei Mitbewerber zu: Vizeadmiral Pinheiro de Azevedo, der jetzige Ministerpräsident der 6. Übergangsregierung, steht für die enge Zusammenarbeit von zivilen Politikern und politisierenden Offizieren, die immer noch den dritten Weg zu einem portugiesischen, eigenständigen Sozialismus propagieren. Major Otelo de Carvalho, Ex-Chef der Sicherheitstruppe COPCON und Held des 25. April 1974, verficht das Räte-Modell, die direkte Demokratie, den fortdauernden Klassenkampf. Octavio Pato, der zweite Mann der Kommunistischen Partei (und einzige Zivilist im Rennen), repräsentiert den bürokratisch-zentralistischen Sozialismus, aber auch in der Erinnerung der Portugiesen den totalen Machtanspruch der Kommunisten, die linke Unfreiheit nach Jahren der rechten Diktatur.