Von Peter Nestler

Seit dem Viermächte-Abkommen von 1972 haben sich die Voraussetzungen für die Westberliner Kulturpolitik von Grund auf geändert: Die Stadt wurde erstmals seit dem Ende es Zweiten Weltkrieges weitgehend frei von äußerer Existenzbedrohung und frei für eigenes Planen und Handeln.

Nachkriegskulturpolitik nämlich wurde in Berlin bis zum Viermächteabkommen immer, wieder fremdbestimmt von den übergeordneten Zielen der großen Politik. Das galt für die lebendigen ersten Jahre des kulturellen Wettbewerbs der Siegermächte, und es verstärkte sich mit der Polarisierung der politisch-ideologischen Ost-West-Gegensätze. Bis zum Mauerbau verstand sich Westberlin auch durch seinen kulturellen Pluralismus als „Schaufenster der freien Welt“. Millionen von DDR-Bürgern partizipierten am kulturellen Angebot des westlichen Teils der Stadt.

Der Schock des Mauerbaus traf deshalb das Kulturleben besonders schwer und nachhaltig. Einerseits war das Publikumspotential über Nacht dezimiert, andererseits vergrößerten der genau zu diesem Zeitpunkt fertiggestellte Neubau der Deutschen Oper Berlin und – zwei Jahre später – das neuerbaute Theater der Freien Volksbühne sowie Hans Scharouns Philharmonie die Platzkapazität auf einem nunmehr scharf umgrenzten kommunalen Markt von 2,2 Millionen Menschen.

Aber auch nach dem Mauerbau konzentrierte sich die Anstrengung zunächst weniger auf die Gewinnung eines erweiterten Publikums, auf Vermittlungsarbeit und neue Angebote. Vielmehr wies die Politik der Kunst und Kultur unangemessene Ersatzfunktionen zum Ausgleich politischer Funktionsverluste zu. Die Inflation von utopischen Kulturzentrumsplänen stoppte endgültig erst Werner Stein, der Mitte der sechziger Jahre mit ausgeprägtem Realitätsbewußtsein die kulturpolitische Verantwortung für die nächsten zehn Jahre übernahm.

Es ist primär eine politische Entscheidung, Berlin den Rang einer mitteleuropäischen Kulturmetropole zu sichern und ihn möglichst noch zu verstärken; das bedeutet, die traditionellen Kulturinstitutionen – vor allem die großen Orchester und Theater, die Deutsche Oper und die Museen – materiell und personell auch in Zukunft weiterhin so auszustatten, daß die, Erwartungen und Ansprüche der Öffentlichkeit von ihnen erfüllt werden können. Schon deshalb ist zumindest im Berliner Raum wenig Manövriermasse vorhanden für die von Progressiven geforderte „Umverteilung“ der kulturellen Haushaltsmittel zugunsten alternativer Angebote.

Künstlerische Aktivitäten außerhalb der Institutionen – also noch nicht etablierte, innovative Angebote – stoßen in Berlin nicht nur, wie überall anders auch, an die engen Grenzen der dafür notwendigen disponiblen Mittel; gravierender sind hier noch die Grenzen des Publikumspotentials. Aber gerade weil sich der experimentelle und innovative Kunstbereich in Berlin selbst bei überproportionaler Subvention auf Dauer schwertut, muß dieser für die künstlerische Lebendigkeit und Weiterentwicklung besonders wichtige Bereich, durch verstärkte Projektförderung die Chancen der Artikulation behalten.